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Aus dem Rundbrief Juni 2003 von Albert und Renate Mehr

20.-27. Mai 2003: Solomon Islands

 

"If I were a king, the worst punishment I could inflict on my ennemies would be to banish them to the Solomons."

Jack London - "The Cruise of the Snark"

Die von Air Vanuatu gecharterte Boeing 737 - Kurs IE 701 landet auf die Minute genau auf dem Henderson-Flughafen von Honiara. Dann wird es eher ungemütlich. Der australische High Commissioner überwacht das Einladen des Sarges des vor zwei Tagen ermordeten (enthaupteten) Adventisten-Missionars Lance Gersbach. Unsere Koffer lassen vergeblich auf sich warten, sie wurden in Brisbane nicht umgeladen und werden frühestens in zwei Tagen nachkommen. Das von der Qantas ausgeliehene überlastete "Mädchen für alles" namens Reinhart stürzt so unglücklich über ein Kabel, dass er sich an der Schulter einen komplizierten Bruch zuzieht.

Tags darauf begrüsst der sichtlich verstörte EU-Botschafter seine Gäste nur kurz, hinter seiner Residenz ertönten soeben vier Gewehrsalven, ein Polizist wurde von seinem mit ihm zechenden Neffen nach einem Wortwechsel erschossen. Und als wir einige Tage später die Kabine des originellen Drahtseilbähnchens im Hotel King Solomon besteigen wollen, liegt dieses in tausend Stücke zertrümmert unten in der Lobby. Zum Glück riss das Seil gerade noch bevor ein junger Franzose aus Fiji die Seilbahn benützen wollte. Als wir am Vortag unsere Zimmer bezogen, waren wir zu fünft in der Kabine... Uns beschleicht ein Gefühl wie den Reiter über dem Bodensee oder Paul Theroux in seinem Bestseller "The happy Isles of Oceania" im Kapitel über die Salomonen: "Why would anyone come here?"

Infolge der bürgerkriegsähnlichen Wirren von 1999/2001 ist die wirtschaftliche Lage katastrophal. Hunderte von jungen Menschen sitzen in Honiara apathisch am Strassenrand. "Warten auf Godot", auf Arbeit, eine bessere Zukunft. Strompannen, Benzinknappheit, Verzögerungen der Lohnauszahlung für das Staatspersonal sind an der Tagesordnung.

Negative Beispiele von falsch eingesetzten Mitteln finden sich zu Hauf: Eine teure Fussgängerpasserelle, die kein Mensch benützt (Kuwait), ein leeres Reservoir, für das keine Quelle gefunden werden konnte (EU), ein total falsch konzipiertes Spital, dessen baulicher Zustand nach wenigen Jahren alarmierend ist (Taiwan). Die schönste Anlage der Stadt liegt gleich gegenüber und hat 25% mehr gekostet als das zentrale Krankenhaus mit 300 Betten für ein Einzugsgebiet von 500'000 Menschen: Ein schmuckes Fussballstadion, welches an das Cornaredo erinnert, offeriert von der FIFA. Die Stimmen der Delegierten aus den Mini-Staaten sind wertvoll und leicht zu kaufen...

Auf den Salomonen kommt man mit Konzepten und Strategien nicht weit. Wie überall in der Dritten Welt sind es vor allem aussergewöhnliche Persönlichkeiten, welche das Image der Schweiz nachhaltig prägen. In Bangladesch war es seinerzeit Victor Umbricht, in Nepal Toni Hagen und auf den Salomonen sind es Hermann und Elisabeth Oberli. Hier verwechselt uns niemand mit Schweden.

Die Verdienste dieses Paars, welches Ende Juni nach einer zehnjährigen Tätigkeit in Honiara definitiv in die Schweiz zurückkehren wird, sind sehr beeindruckend, vor allem in Anbetracht des äusserst schwierigen Umfelds. Dr. Oberli wird seinem Lebenswerk, dem National Referral Hospital auch von der Schweiz aus eng verbunden bleiben (Website http://www.hermannoberli.ch)

Es ist zu hoffen, dass auch nach seiner Abreise sich weiterhin junge Schweizer Ärzte für eine sechs- bis zwölfmonatige unbezahlte Tätigkeit zur Verfügung stellen. Mit dem gleichen Flugzeug wie wir kam Dr. med. Remigi Joller aus Altdorf mit 40 kg Medikamenten und Instrumenten an. Bereits am nächsten Tag stand der Orthopäde stundenlang am von seinem Spital gespendeten alten Operationstisch. Dass solche Beispiele Schule machen, zeigte der Einsatz von Thomas Hodler und Andreas Gisler, zwei Elektrikerlehrlingen des EW Altdorf, welche während drei Wochen unter schwierigsten Bedingungen in einem Kreisspital elektrische Anlagen einbauten und im NRH Honiara eine Schaltung für die vier Regenwasser-Tanks (Idee Oberli) montierten. Es fehlte dort nicht nur an Blut für Operationen, sondern oft auch an Wasser.

Dank dem effizienten Verein "Medizin im Südpazifik" geht das Werk von Hermann Oberli weiter und es besteht die leise Hoffnung, das sein von den Cook Inseln abgeworbener prädestinierter einheimischer Nachfolger wieder nach Honiara zurückkehrt.

Es gibt aber nicht nur Negatives auf den Salomonen: Dank unseren Freunden haben wir ein herrliches kleines Ferienparadies entdeckt, eine Flugstunde und 40 Minuten per Schiff von Honiara entfernt: Uepi, eine nur 2,5 km lange Insel, ein Eldorado für Taucher, Schnorchler und selbst Wasserscheue, die sich im Jahr nur einmal die Badehose anziehen...

Die strahlenden Augen der Patienten unseres Landsmanns und seines Teams werden wir nie vergessen, Hermann würde ein grosses Denkmal verdienen. Ein kleines sympathisches hat er bereits: Der jüngste Bruder eines von ihm mehrfach operierten schwer behinderten Mädchens, trägt den Vornamen "Oberli".

Albert Mehr, Hermann Oberli und Renate Mehr mit Janet Janets Mutter mit "Oberli"
Albert Mehr, Hermann Oberli und Renate Mehr mit Janet Janets Mutter mit "Oberli"

© 2003 Albert und Renate Mehr

Albert Mehr Renate Mehr

Albert Mehr ist Schweizer Generalkonsul in Sydney, Australien

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