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Notizen aus Honiara

von Corinne Thür

20. September 2003

Ausflüge

Leider ist es hier immer noch nicht möglich, Besichtigungen auf eigene Faust zu unternehmen und Führer arbeiten hier auch nicht immer. Darum gehe ich immer zu Fuss, dann gehe ich sicher nicht weit und damit nicht in Gegenden, die ich alleine nicht betreten sollte. An den Wochenenden (d.h. am Sonntag) ist es daher schon etwas langweilig alleine.

Einführung am Spital

Ich bin von Schweizer Volontären eingeführt und herum geführt worden; bei den Einheimischen scheint es nicht so üblich zu sein, den Neuen die wichtigsten Dinge zu zeigen, was etwas schade ist und wohl auch schon einige Neue gestresst hat.

Einladung bei Einheimischen

Am dritten Wochenende meines Praktikums veranstalteten einige Spitalangestellte bei einem der Ärzte zu Hause ein Barbecue / Hanging und ich wurde auch dazu eingeladen (Kostenpunkt: SBD 50 = CHF 10). Ein Arzt wollte mich am Samstag nach seinem Rugby-Match um ca. 18.30 Uhr abholen. Als er dann um 19.20 Uhr auftauchte, hatte ich schon fast gewettet, dass er mich vergessen hat. Aber eben: Solomon time! Wir fuhren ganz in den Westen von Honiara auf einen Hügel zu einem Arzt, der (wie ich erfuhr) vor 100 Tagen seine Frau verloren hatte. Nach 100 Tagen ist es hier üblich, dass Freunde dem Witwer (oder der Witwe) einen Besuch abstatten, Essen mitbringen und Zeit mit ihm/ihr verbringen. Ich bin sicher, bei Tage hätte man von hier oben einen wunderbaren Ausblick über die Stadt, über das Meer bis zu den Inseln vor Guadalcanal (Savo und Nggela). Nach 19 Uhr ist es aber stockdunkel, und man konnte nur das hell beleuchtete Gefängnis sehen. Ich kannte die meisten Anwesenden vom Spital her, wurde begrüsst und sollte bei den Männern Platz nehmen, während die Frauen über dem Feuer kochten. Üblicherweise bleiben die Frauen unter den Frauen und die Männer unter den Männern. Man hatte also vor dem Haus eine Feuerstelle aufgebaut. Daneben lagen geflochtene Matten, auf denen die Männer kreuz und quer sassen. Einer der Gäste war dabei, ein spezielles Getränk ('grog' oder Kava) zu brauen, und das geht etwa so: eine spezielle Pflanzenwurzel (Piper methysticum) wird geschält, gewaschen und in Stücke gehackt. Diese Stücke werden in sauberes Wasser gegeben. So entsteht ein Getränk, das anschliessend in eine spezielle Schale gegeben und von dort in einem speziellen Becher (1/2 harte Kokosnussschale) herum gereicht wird. Es gibt nur einen Becher! Derjenige, der das Getränk zubereitet hat, klatscht 2 mal in die Hände, füllt dann den Becher und reicht ihn einer Person. Diese Person kann den Becher entweder weiter geben, oder sich mit der linken Hand 2 mal auf den linken Oberschenkel klopfen, als Zeichen dafür, dass er den Becher annimmt. Dann muss der Becher in einem Zug leer getrunken werden, sonst schmeckt es nicht, und der Becher geht zurück zum Ausschenkenden, der ihn wieder füllt, etc. Nach dem Trinken klatscht man wieder in die Hände als Zeichen, dass es geschmeckt hat. Ich (als Gast) kam zuerst in den Genuss dieses Getränkes. Nach meinem ersten (und einzigen) Becher sagte man mir, dass Zunge und Lippen von dem Getränk gefühllos werden. Diese Wirkung habe ich nicht so stark gespürt. Aber die Männer um mich herum wurden mit jedem Becher redseliger. Während also so der Becher von Hand zu Hand ging, ging gleichzeitig eine Gitarre von Hand zu Hand. Jeder kann hier Gitarre spielen! Der Spieler sucht sich die Lieder aus und beginnt auch zu singen. Wer Lust hat, singt mit. Wenn der Spieler nicht mehr spielen mag, gibt er die Gitarre weiter und alle danken ihm (in der Sprache der Fijianer, wo sie alle studiert haben) für sein Spiel. Zwei Lieder habe ich gekannt: Let it be und Amazing Grace! Letzteres wurde sehr oft gespielt und ist mir die ganze Woche nachgelaufen. Dann wurde zu Tisch gebeten. Zuerst wurde ein Gebet gesprochen. Anschliessend mussten sich zuerst die Frauen die Teller füllen, dann erst die Männer. Wir setzten uns auf den Boden und assen das köstliche Mal mit den Fingern. Hier habe ich nun den Frauen Gesellschaft geleistet und es war ein sehr interessanter Abend, auch wenn ich nicht alles von den Gesprächen (auf Pidgin) verstanden habe. Es war wirklich einmalig, unvergesslich, wunderbar, ...

Erwartungen

Ich habe zwei Schweizer (er Arzt, sie Krankenschwester) getroffen, die ursprünglich 3 Monate hier arbeiten wollten, das Unternehmen aber nach 5 Wochen abgebrochen haben, weil sie hier nicht das angetroffen haben, was sie sich vorgestellt hatten. Die beiden bereuen nicht, dass sie hergekommen sind, aber sie haben es nach gut einem Monat gesehen. Mein Gespräch mit ihnen hat mir gezeigt, dass meine mentale Vorbereitung auf dieses Abenteuer gar nicht so schlecht war:

  • keine grossen Erwartungen
  • keine klaren Vorstellungen, was mich hier erwartet
  • alles auf mich zukommen lassen
  • mir Zeit geben, mich an die Situation zu gewöhnen

Lohn am Freitag

Hier gibt es jeden zweiten Freitag Lohn (dies ist in allen Kalendern, die ich hier zu Gesicht bekommen habe, stark markiert!). Weil die Solomon Islander aber den Banken nicht trauen, und / oder weil sie das Geld brauchen, erscheinen sie an diesen Freitagen nicht zur Arbeit, sondern stehen vor der Bank Schlange, in der Hoffnung, es hat noch genug Noten für ihren Lohn, wenn sie an der Reihe sind.

Restaurantbesuch

Das Restaurant bestand aus einem kleinen Zimmer, an dessen einer Wand kleine Tische, die auf eine kitschige Art für vier Personen gedeckt waren, standen, und dessen andere Wand ein Bild von Palmen am Strand zierte, sodass man das Gefühl hatte, direkt am Meer zu essen. Nachdem die Bestellung aufgenommen worden war, mussten wir etwa eine Stunde warten, bis die erste Person ihren Salatteller bekam. Als sie diesen fertig gegessen hatte, wurde meine Vorspeise (ein ausgezeichnetes Knoblauchbrot) gebracht. Und so ging es den ganzen Abend: sobald jemand den Teller leer gegessen hatte, bekam die nächste Person etwas zu essen.

Noch einige Bemerkungen hierzu:

  • wir waren zu dritt und die einzigen essenden Personen in diesem kleinen Restaurant
  • den Hauptgang konnten wir fast gleichzeitig essen, denn wir hatten das gleiche Menu bestellt
  • eine Zeit lang war auch noch Stromausfall, sodass wir in den Genuss eines Candle-light-dinners kamen (mit ABBA-Musik im Hintergrund)
  • wieder eine "Solomon time" Erfahrung mehr

Wetter und Wasser

Wir hoffen jeden Tag, dass es endlich wieder einmal regnen wird, einerseits um die Luft zu säubern, andererseits wird das Wasser langsam knapp und wir fürchten, dass sie uns das Wasser bald nicht nur stundenweise, sondern viel länger abstellen.

© September 2003 Corinne Thür

Corinne Thür absolviert als Medizinstudentin ein dreimonatiges Praktikum in der Chirurgie am NRH in Honiara.

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