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Ein Jahr als Internist auf den Salomonen

von Dr. med. Dieter Fenner (Bilder: H.Oberli)

Dieter Fenner

Und Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt

Die medizinische Vorbereitung für mein Jahr auf den Salomonen war recht aufregend. Da ich eigentlich ein kleines Provinzspital übernehmen wollte, hiess es nach 10 Jahren auf internistischen Abteilungen, plötzlich wieder Operationsluft zu schnuppern. Seit meiner chirurgischen Assistenzzeit hat sich in der Chirurgie doch sehr viel verändert und es war gar nicht so einfach, ein paar offene Appendektomien zu sehen, die meisten Blinddarmoperationen wurden ja laparoskopisch durchgeführt. Bei dem Gedanken an Operationen fühlte ich mich nicht sehr wohl, zudem hätte ich Sectios in Honiara im "on the job training" Verfahren lernen müssen. So war ich gleichzeitig enttäuscht und erleichtert, als 5 Tage vor Abreise ein Telefon von Dr.Oberli kam, dass die Pläne gewechselt seien und ich als Chefarzt für die Medizin im National Referral Hospital in Honiara vorgesehen sei. Alles war zur Abreise organisiert, nolens volens entschlossen wir uns, uns in die neue Situation zu schicken. Wir warteten auf die Dinge, die da kommen würden.

Es war nicht mein erster Auslandaufenthalt, die Situation, die ich in Honiara vorfand, war deutlich besser als ich erwartet hatte. Der erste Eindruck vom Spital ist niederschmetternd, es ist zwar schön am Strand gebaut, der Strand und das umliegende Gelände sehen aber eher wie eine Abfallgrube aus. Am Strand kann man auch fast zu jeder Tageszeit Ratten antreffen. Eine angenehme Überraschung war dann die Abteilung, die sauber war, einzig aus den Toiletteneinheiten kam ein recht strenger Geruch (viele der Patienten wissen nicht wie man eine Toilette benutzt und stehen auf die Brille, mit dem Effekt, dass öfter was daneben geht).

Da ich nur für ein Jahr hierhin kam wollte ich mich im System einordnen und nicht das System verändern. Die Worte des Gesundheitsministers von Lesotho, die ich als Student gehört habe, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Overseas doctors are coming with their best intention to teach us medicine. After a year or two they are leaving and a new doctor is coming into the country and teaches his kind of medicine. In the end we are confused about the different ways in medicine. Die Situation in Honiara war insofern ein wenig anders, als dass über ein Jahr kein Internist im National Referral Hospital gearbeitet hatte und die Abteilung durch den Radiologen und einen Senior Registrar mit exzellenten Kenntnissen für einen Assistenten geführt wurde. Die erste Zeit war dann eine Einführungszeit, dass ich ein wenig das Krankengut kennenlernen konnte. Der grösste Teil der Patienten litt unter Infektionskrankheiten, die häufigsten zwei Diagnosen waren Malaria und Tuberkulose. Bei der Malaria wurden einzig die Patienten mit schweren Formen hospitalisiert, entweder cerebrale Malaria oder hohe Parasitenzahl im Blut. Die anderen Malariapatienten wurden entweder ambulant oder in den Betten der Notfallstation versorgt. Auffallend hoch ist auch die Zahl der terminal niereninsuffizienten Patienten. Bei aktuell schrumpfendem Gesundheitsbudget ist an Nierenersatzverfahren nicht zu denken. Es war für mich immer wieder erstaunlich, wie ruhig, fast gelassen, die Patienten diese für sie tödlichen Diagnosen entgegennahmen und zum Sterben in ihr Dorf zurückkehrten. Bei den von anderen Spitälern überwiesenen Patienten fanden wir recht häufig Diagnosen aus dem autoimmunen Formenkreis, wie systemischer Lupus, Autoimmunhepatitis, und einmal konnten wir dank der Telepathologie auch die Diagnose einer relapsing perichondritis stellen und bestätigen. Übers Jahr sah ich Patienten aus praktisch allen Krankheitsgebieten der Medizin und auch der Neurologie.

Nach der Einführungszeit waren eigentlich "Tours" in die anderen Spitäler geplant. Die Politik verunmöglichte diese Pläne. Von der Regierung Sogavare, die nach dem Coup im Jahr 2000 an die Macht kam, wurden völlig öffentlich Staatsgelder unterschlagen. Zölle für politische Freunde wurden aufgehoben. Es wurden über 21 Millionen Solomon Dollar (ungefähr 7 Millionen Schweizer Franken) Import- und Exportsteuerausnahmen gewährt, mit der Folge, dass der Staat kein Geld für Löhne und Mietzinsen für Staatsangestellte mehr hatte. Die unvermeidliche und gut verständliche Konsequenz war ein Streik. Da niemand Streikerfahrung hatte, wurde dieser zwar nur halbherzig durchgeführt, wir schlossen Sprechstunden und mangels Röntgen und Labor hatten wir nur die Möglichkeiten einer Buschklinik. Überweisungen von anderen Spitälern mussten gestoppt werden. Während der Streikzeit, die bis November dauerte, konnte man nur die täglichen Notfälle behandeln. Der nächste Rückschlag war, dass der Registrar im November nach Neuseeland zur Spezialausbildung ging. Da im Dezember auch die Interns ihre jährlichen Ferien hatten, bestand die Medizin plötzlich nur noch aus Dr. Aaron (dem Radiologen) und mir. Das Abdecken des 24 Stundendienstes nahm den Grossteil der Energie in Anspruch. Der Engpass im Dezember scheint Tradition zu sein, Planung ist häufig ein Fremdwort. Für Solomon Island Doktoren gibt es verschiedene gute Gründe ins Ausland zu gehen. Dank Dr. Oberli kann zwar ein Teil der chirurgischen Spezialausbildung in Honiara durchgeführt werden, für die anderen Spezialitäten wird die Zeit in Honiara nicht angerechnet. Die ganze Ausbildung hat im Ausland zu erfolgen. Nach der Ausbildung ist die Entscheidung zur Rückkehr auch nicht einfach, die Ärzte verdienen in allen umliegenden Ländern mehr, häufig werden Schulgelder, die recht teuer sind, übernommen und zuletzt haben die Ärzte im Ausland kein Wantokproblem. Was ist das Wantokproblem? Alle Verwandten aber auch alle Bewohner desselben Gebietes, die dieselbe Sprache sprechen, gelten als Wantoks. In der Tradition der Salomonen wird erwartet, dass Wantoks beherbergt und verpflegt werden. Es ist nicht selten, dass bei einem jungen Arzt mit einem Monatslohn von 400 Franken noch 15 - 20 Wantoks durchgefüttert werden, was zur Folge hat, dass kaum genügend Geld für die Familie und die Schulbildung der Kinder übrig bleibt. Wer kann es verdenken, wenn man diesem Problem ausweicht und sich ihm durch Auswanderung entzieht?

Aus der Wahlzeit, die ruhig vonstatten ging, habe ich für mich gelernt, dass die Demokratie nicht die ideale Staatsform für alle Länder ist. Bei einer Analphabetenrate von über der Hälfte der Bevölkerung ist ein fairer Wahlkampf schwierig. Am Ende wird doch dem die Stimme gegeben, der während der Wahlperiode am meisten Geld springen liess oder am meisten einschüchterte. Das Resultat war, dass viele der früheren Regierungsmitglieder wieder im neuen Parlament und teilweise sogar in der neuen Regierung sassen. In Honiara sank die Hoffnung auf Besserung im Nu.

Ab Neujahr stieg die Zahl der Ärzte wieder auf meiner Abteilung. Eine neu registrierte Ärztin, das heisst sie hat zwei Jahre klinische Erfahrung, begann als Registrar. Nach einer zwei monatigen Einarbeitungszeit musste sie mich bei Abwesenheit vertreten. Man stelle sich vor ein Assistenzarzt müsste in der Schweiz in seinem 3. Klinischen Jahr den Chefarzt vertreten, ohne dass jemand Hintergrundsdienst leistet! Zu meiner Freude wurde zu meinem Ersatz ein indischer Internist angestellt, so bricht das von mit Angefangene nicht gleich wieder zusammen.

Viele Ziele sind in Honiara noch zu erreichen. Damit die medizinische Abteilung effektiver würde, müsste das Labor viel effizienter werden. Unsere Situation hier ist in der Schweiz absolut undenkbar. Jedes Laborresultat braucht mindestens ½ Tage. Häufiger geht Untersuchungsmaterial einfach verloren oder trocknet aus, weil niemand den Test durchführt. Dabei mangelt es nicht an Laboranten, teilweise sind aber Reagenzien nicht erhältlich. Nicht erhältlich ist für jeden der auf den Salomonen gearbeitet hat wohl ein Reizwort. Es kam sehr wohl vor, dass im ganzen Spital keine Spritzen aufzutreiben waren. Früher waren die Finanzen immer die Entschuldigung, da Medikamente und medizinisches Material durch australische Hilfsgelder bezahlt werden, kann diese Entschuldigung nicht mehr funktionieren. Es schien mir indes, dass ich der Einzige war, der sich über so eine Kleinigkeit, dass wegen der Spritzen keine iv Medikamente verabreicht werden konnten, aufregte. So versuchte ich beim nächsten Engpass einfach ruhig zu bleiben.

Was bleibt nun nach einem Jahr in den Salomonen? Viele Erinnerungen an freundliche lachende Menschen. Erinnerungen an eine wunderbare Unterwasserwelt und Erinnerungen an ein Entwicklungsland mit kollabierender Wirtschaft, in dem jeder für seinen eigenen Profit schaut und Korruption teilweise erschreckend öffentlich durchgeführt wurde.

Familie Fenner
Familie Fenner im Mai 2002: (v.l.n.r)
Dieter, Bernhard, Yannick, Susanne

© Juni 2002 D. Fenner

Siehe auch Bericht von Susanne Kratochvil : Ein Jahr auf den Salomonen mit Familie


Die Stellung eines Registrars entspricht etwa der eines Schweizer Assistenzarztes

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