Home

back

Quelle: DESTINATION 4/98 Seiten 72 und 73

Schweizer Arzt für 400 000 Südsee-Insulaner

DESTINATION-Leserinnen und -Leser begleiten ein wegweisendes medizinisches Projekt im Südpazifik

Dr. Hermann OberliDr. Hermann Oberli,
Chirurgischer Chefarzt des Zentralspitals in Honiara, Hauptstadt der Salomonen-Inseln.

Der Schweizer Arzt Dr. Hermann Oberli hat sich auf den fast vergessenen Salomonen-Inseln im Südpazifik keine leichte Aufgabe gestellt: Not lindern, helfen, heilen, aufbauen unter einfachsten, oft schwierigsten Bedingungen. Für 400 000 Menschen ist er der einzige voll ausgebildete Chirurg. Erfüllung und Ohnmacht prägen seine Arbeit. Frust und Freude im Alltag liegen nahe beisammen. Ein Engagement der besonderen Art. Der Journalist und Südseespezialist Hansjörg Hinrichs, der Dr. Hermann Oberli und sein Wirkungsfeld seit vielen Jahren kennt, hat ihn für DESTINATION erneut besucht.

John, 14, wollte Kokosnüsse pflücken und verlor dabei das Gleichgewicht. Nach dem jähen Sturz von der Palme blieb er mit brennendem, stechendem Schmerz im rechten Oberschenkel liegen. Männer aus dem Dorf fanden ihn und trugen ihn behutsam zurück ins Dorf. Gehen konnte er nicht mehr, und der Weg zum Spital von Lata ist weit: 40 km durch Dschungel, Busch und übers Meer.

Geschickte Männerhände zimmern aus rohen Ästen eine Bahre, tragen John über schmale Pfade und rudern im kleinen Kanu stundenlang gegen Wind und salzige Wellen zur Insel Nendo. Dort laden sie ihn in ein grösseres Motorkanu um. Glücklicherweise wird Benzin gefunden. Dann setzen ihm wieder Wind und Wellen zu. Stundenlang. Dazu die stechende Hitze der heissen Tropensonne. Rasende Schmerzen peinigen und zehren. Dann bricht die Nacht herein. John und seine Begleiter finden in einem kleinen Dorf bei Verwandten Aufnahme. Während sie John notdürftig kühlen, pflegen und waschen, macht sich sein Vater zu Fuss auf den Weg durch die schwarze Nacht nach Lata. Er schlägt Alarm, doch niemand ist da, keiner hört ihn. Am Morgen endlich kann der Lastwagen des Spitals mit Diesel aufgetankt werden. John wird samt Bahre auf die harte Ladefläche geschoben und los geht die Fahrt. Von Strasse kann keine Rede sein. Schlagloch reiht sich an Schlagloch. Äste, Steine, Staub und Abgase machen die holprige Fahrt zur Tortur, martern Körper und Sinne. Noch ist John bei Bewusstsein.

Glücklicherweise ist im Spital von Lata zufällig ein Chirurg - der Schweizer Mediziner Dr. Hermann Oberli - aus der Hauptstadt Honiara anwesend. Aus Mangel an Mitteln und Personal kann er nur einmal im Jahr für eine Woche hier zu Besuch sein. Er diagnostiziert einen Oberschenkelbruch und leitet einen komplikationslosen Heilungsprozess ein. Nach einem Jahr ist John beschwerdefrei. John hat Glück gehabt: Wäre der Chirurg nicht da gewesen, hätte er höchstwahrscheinlich bis ans Lebensende an den Folgen seines Unfalls zu leiden.

John im Spital
John liegt im Spital von Lata. Die medizinische Zugvorrichtung am Oberschenkel ist improvisiert. Schnüre und Blöcke eines Segelschiffes wurden dafür verwendet.

Diese Geschichte zeigt nicht nur das Tätigkeitsfeld von Dr. Hermann Oberli auf, sondern lässt auch erahnen, in welchem Zustand die medizinische Versorgung mancherorts auf unserer Erde ist.

up