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Briefe aus Honiara

von Regula Widmer-Kennel (Bilder: R. Widmer-Kennel)

Diese Artikel sind 1996 in der Rubrik "Briefe aus..." in der Luzerner Zeitung (heute Neue Luzerner Zeitung) erschienen. Verwendung der teilweise überarbeiteten Texte mit freundlicher Genehmigung.


Auf der Insel

Die Fahrt mit dem "Ocean Express" der Küste Guadalcanals entlang dauert fast drei Stunden. Jeder Sitzplatz ist besetzt. Wem es unten in der Passagierkabine zu kühl (die Klimaanlage läuft auf Hochtouren), oder die Musik aus dem Videorecorder zu laut ist (der Geräuschpegel ist enorm), flüchtet nach draussen. Ich stehe an der schmalen Reeling und lasse mich mit dem Auf und Ab des Schiffes in eine fremde Welt entführen.

Wir erreichen Marau. Neben der Anlegestelle verkaufen Frauen Bananen, Tomaten, Mangos, Passionsfrüchte, Kokosnüsse, Zuckerrohr, Maniok. Bald geht es weiter. Die Mutter von Dorothy, meiner Gastgeberin und Mitarbeiterin vom Central Hospital, holt uns mit dem Kanu ab. So sitze ich nun im Einbaum und paddle mit den beiden Frauen zu ihrer Insel. Die See ist unruhig. Wind kommt auf, und nach einer halben Stunde Fahrt bin ich triefend nass.

Die Verwandtschaft auf den Solomon Islands ist ein wichtiges soziales Netz. So wohnen ganze Familien meistens in dorfähnlichen Gemeinschaften zusammen. So auch hier. Ich lerne viele Verwandte kennen, durchblicke jedoch das Wirrwarr aus Schwestern, Brüdern, erster Schwester, Bruder-Bruder usw. überhaupt nicht.

Auf diesen kleinen Inseln gibt es kein Trinkwasser. So wird das Regenwasser in grossen Tonnen gesammelt und für's WC gibt es den Strand und die Bäume!

Bei einem Strandspaziergang mit Dorothy geniesse ich die unbeschreiblich vielseitige und farbenprächtige Natur. Wir sammeln Muscheln, grosse und kleine. Sie zeigt mir, welche auch heute noch als Zahlungsmittel verwendet werden. Es ist unwahrscheinlich still. Das Rauschen der Blätter im Wind, das Brechen der Wellen am Ufer. Der weisse Sandstrand, türkisfarbenes Meer und die Grüntöne der Palmen - meine Sinne nehmen alles auf, speichern es, um an den kalten Wintertagen in der Heimat ein Stück Wärme zurückzuholen.

Viele Bewohner solcher Inseln wandern in die Hauptstadt ab in der Hoffnung, Arbeit zu finden und damit etwas Geld zu verdienen. Doch die hohe Arbeitslosigkeit spricht für sich und die jährliche Bevölkerungszuwachsrate von 2,9% lässt keine Besserung in der Zukunft erhoffen. Die vor zwei Jahren ausgebrochenen Unruhen sind auch auf diese Abwanderung zurückzuführen. Bewohner der Insel Malaita wandern oft nach Guadalcanal ab, um dort Arbeit zu finden. Die Malaiter sind arbeitsame Menschen, wollen etwas erreichen, sind ehrgeiziger als die Bewohner von Guadalcanal. Diese fürchteten um ihre Vormachtsstellung und vertrieben die Einwanderer aus Malaita von der Insel. Flüchtlingsdramen und Elend spielen sich hier in der Südsee ab. Weit entfernt von unserer Welt. Kurz erwähnt in den Medien, vergessen innert Tagen!

Auf der paradiesischen Insel von Dorothy empfängt uns am anderen Morgen ein langanhaltender und heftiger Tropenregen. Die Idylle ist plötzlich nicht mehr so idyllisch. Alles ist nass und schmutzig, die Luftfeuchtigkeit um einiges höher als sonst. Zurück mit dem Einbaum nach Marau und einfach nur nass wieder rein in den "Ocean Express". Laute "Kung-Fu" Videos nehmen die Solomon Islanders gefangen - ich bin froh, dass der Regen endlich aufhört und ich wieder an der Reeling das Naturparadies Solomon Island geniessen kann.

Erschien 1996 in der Luzerner Zeitung

Tropenwald


Die Routine bei Erdbeben

Wissen Sie wie es ist, wenn die Erde plötzlich bebt? Wenn alles erzittert und sich die Vase oder die Gläser auf dem Tisch hin und her bewegen, die Muschelvorhänge immer lautere Töne von sich geben? Es ist ein unheimliches Gefühl. Während meiner Zeit auf den Solomon Islands erlebte ich dieses Gefühl mehrere Male, einmal sogar drei Mal innerhalb einer Woche.

Die Stösse erreichten nach der Richterskala Werte zwischen 3 und 5. Das erste Mal liess mich ein fürchterlicher "Chlapf" aus dem Bett schnellen. Ich realisierte erst ein paar Sekunden später, dass die Erde unter mir bebte. Das Ganze dauerte eine unsäglich lange Minute. Gut eine halbe Woche später - ich sass auf der Veranda - dann das nächste Erdbeben. Diesmal noch etwas stärker und vor allem länger. Meine Hoffnung, das Haus möge nicht aus den Fugen fallen, erfüllte sich glücklicherweise. Und schliesslich geriet die Erde an einem Samstagmorgen zum drittenmal innert Wochenfrist in Bewegung. Diesmal nur kurz, dafür um so heftiger. Doch inzwischen verhielt ich mich wie eine abgebrühte Insulanerin und drehte mich einfach nochmals im Bett um und schlief weiter.

Heftige Erdbeben sind auf dieser Südseeinsel zwar selten. Doch dass die Erde in Bewegung gerät, gehört zur Tagesordnung. Die Solomon Islands sind ein Teil des Pazifischen Feuerringes. Dieses vulkanische Gebiet liegt auf der Schnittstelle zwischen der ozeanischen und der Indo-Australasiatischen Platte. Die riesigen Platten geraten oft energisch aneinander und verursachen so seismologische Aktivitäten. Bis zu 1900mal bebt hier jedes Jahr die Erde. Bis zu 40 Erdbeben erreichen eine Stärke von 5 und mehr auf der Richterskala. Das stärkste Beben ereignete sich vor neunzehn Jahren. Es verursachte bei einer Stärke von 7,2 verschiedene Landschäden und zerstörte auf der Insel Guadalcanal ganze Dörfer. Trotzdem: Die Erdbeben sind zwar häufig, doch die Auswirkungen sind meist nicht gravierend, grosse Schäden bleiben die Ausnahmen.

Langsam gewöhnte ich mich an Erdbeben, wie schon zuvor an tropische Regengüsse, Spinnen und anderes Kriechgetier - sie waren nichts mehr Aussergewöhnliches.

Vor allem Gregor unser Hausgecko war mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Dem armen Tier wurde durch ein Zusammentreffen verschiedener unglücklicher Umstände der Schwanz abgequetscht. Gregor verschwand quietschend, während sich der abgetrennte Teil des Schwanzes noch etwa fünf Minuten lang zuckend durch die Gegend bewegte. (Übrigens quietschte nicht nur Gregor!!) Nun, innerhalb von fünf Wochen war der Schwanz wieder zu einer beachtlichen Länge nachgewachsen. So blieb mir nur noch zu hoffen, dass sich die Stärke der weiteren Erdeben in Grenzen halten würde, und Gregor seinen neuen Schwanz möglichst lange behalten konnte.

Erschien 1996 in der Luzerner Zeitung / leicht abgeändert


Nationalfeiertag fern der Heimat

Lola Island

Nach einer Woche paradiesischem Inselleben auf Lola-Island im Westen der Solomon Islands, landen wir am 1. August wieder auf dem Henderson Flugplatz in Honiara. Die Gedanken und Sinne noch voll von all den Eindrücken der phantastischen Lagunenlandschaft, empfinden wir den Staub, die Hitze und den Verkehr doppelt so stark.

Wasserflugzeug über Lola Island

Bilder, welche ich nur von Ferienprospekten her kannte, waren Wirklichkeit geworden. Das Meer - vom Hellgrünen ins Dunkelgrüne, vom Türkis zu Mitternachtsblau wechselnd, die weissen Sandstrände mit den riesigen Kokosnusspalmen, die phantastische Unterwasserwelt mit all ihren farbigen Korallen und Fischen. Dann das Erlebnis, mit dem Wasserflugzeug über die Lagunen hinwegzufliegen, von oben in dieses Paradies hineinzutauchen!

Doch nun hat mich also am 1. August das "Stadtleben" von Honiara wieder. Und meine Gedanken schweifen Richtung Heimat. Da war doch etwas? Ach ja, 705 Jahre Schweiz. Elisabeth, welche mit ihrem Mann schon bald drei Jahre hier in Honiara lebt, lädt alle Solomon-Islands-Schweizer zum "Heimatabend" ein. Bald hat sich ein kleines Grüppchen versammelt. Peter, seit zwei Jahren mit einer Organisation hier, ist für den Bau von Wasserkraftwerken verantwortlich. Urs, Pia und Lukas, welche für drei Wochen die Gastfreundschaft von Elisabeth und Hermann geniessen dürfen, Otti, ein Weltenbummler, der seit zwei Jahren auf den Meeren der Welt umhersegelt und ich, die ich nun schon bald vier Monate fern der Heimat bin. Die Veranda ist schweizerisch beflaggt, die Lampions fehlen nicht, auf dem Tisch hat's Sets mit Sennen und Alphorn, von den Servietten lacht mich das gleiche Sujet an, die Becherli mit den Kerzen erinnern an längst vergangene 1. August Feiern der Kindheit und als Höhepunkt trägt Elisabeth ein rot-weisses T-Shirt mit passendem Aufdruck. So patriotisch habe ich den 1. August schon lange nicht mehr gefeiert!

Natürlich ist auch das Menu auf diesen speziellen Anlass ausgerichtet und zu Ländler-Musik lassen wir uns alle die Älplermagronen mit den Zwiebeln und das Apfelmus schmecken. Doch die Wärme der Tropennacht mit ihren typischen Geräuschen erinnert mich daran, dass ich 27 Flugstunden und Tausende von Kilometern fern der Heimat bin. Langsam erlahmt dann auch das Fernweh. Der Versuch, ein heimatliches Lied anzustimmen, endet in betretenem Schweigen, kennt Mann und Frau doch höchstens wieder mal die erste Strophe und den Refrain.

Doch bald wechselt die Musikrichtung und polynesische Klänge aus Samoa begleiten uns nun bei Kuchen und Eis. Der Blüemlitee aus dem Berner Oberland lässt kurz die Gedanken an fette Alpwiesen und grasende Kühe aufkommen und der selbstgebrannte Schnaps, ein Geschenk des Spitals Meiringen, liegt angenehm brennend in der Kehle und im Magen. Einmal im Jahr der Heimat zu gedenken tut gut. Doch spätestens wenn man wieder an einem der paradiesischen Lagunenstrände liegt, sind Alphornklänge, grasende Kühe, Sennenchäppi und verschneite Berge weit weg.

Erschien 1996 in der Luzerner Zeitung


Ein Spital - doch vieles ist anders

Central Hospital Wäsche

Das Spital liegt direkt am Meer. Wäsche flattert im Wind oder liegt auf dem Rasen zum Trocknen. Die Abteilungen der Inneren Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, die Kinderabteilung, die Wöchnerinnenstation, die TB-Abteilung sind flache einstöckige Gebäude. Die Fenster sind quergestellt, vereinzelte Fliegengitter,Spitalgebäude Moskitonetze über einzelnen Betten, Ventilatoren an der Decke. Eine kleine Augenklinik sowie eine Physiotherapie, Röntgen, Labor, Apotheke und eine grosse Notfallstation befinden sich auf dem Spitalareal. In der Notfallaufnahme herrscht ein reger 24-Stunden-Betrieb.Hunderte von Patienten warten hier täglich geduldig auf das Ergebnis des Malariatests, auf die Ausgabe von Medikamenten oder auf ihre Untersuchung.

Im Spital

Jeder Einwohner hat das Recht auf kostenlose Behandlung. Kommt ein Patient von ausserhalb, dann wird ihm, sowie einem Angehörigen, der für die Verpflegung und die Grundpflege des Patienten verantwortlich ist, die Hin- und Rückreise ebenso vergütet wie der Aufenthalt und sämtliche Behandlungskosten. Nun steckt das Gesundheitswesen auch hier tief in den roten Zahlen. Die Löhne für das Krankenhauspersonal sind ausstehend. Der Fonds für die Reisekosten der Patienten ist aufgebraucht, es fehlt sogar das Geld, den einzigen Fotokopierer des Spitals zu reparieren.

Operation

Im Operationssaal arbeiten dreizehn Schwestern und Pfleger, daneben hat es immer wieder Praktikanten. Pro Tag werden zwischen fünf und zehn Operationen durchgeführt. Seit Dr. Oberli die einheimischen Chirurgen ausbildet, ist die Traumatologie und Orthopädie zu einem der wichtigsten Fachgebiete geworden. Dank grosszügigen Spenden von Schweizer Spitälern und Firmen können das Operationsmaterial wie Implantate, Fäden, Verbandsmaterial, Instrumente immer wieder ergänzt werden. Für Dinge, welche in der Schweiz nicht mehr gebraucht werden, findet man hier sehr gute Verwendung. Doch defekte, unvollständige oder nicht zusammenpassende Instrumente können auch hier nicht gebraucht werden!

Formulare

Vieles läuft anders als bei uns. Das angenehme Arbeitsklima und die Gemütsruhe, mit der hier gearbeitet wird, sind bezeichnend für die Solomon Islanders. Zeit spielt keine grosse Rolle. So ist mein Arbeitstempo beträchtlich gesunken - auch erschrecke ich nicht mehr ab jeder Fliege oder Mücke, auch wenn sie sich mitten auf die Wunde setzt. Doch wenn Maden aus der Klimaanlage fallen, dann wird auch hier der Operationsbetrieb vorübergehend eingestellt.

Der Einblick in die Arbeitswelt des Central Hospitals in Honiara ist der Blick in eine andere Welt. Zu erkennen, dass nur das Notwendige operiert werden kann, dass man der Natur ihren Lauf lassen muss, nicht erzwingen kann. Der andere Umgang mit dem Tod. Es wird mir sicher schwer fallen, wieder in den Schweizer Spitalalltag zurückzukehren, und ich hoffe, vieles, was ich hier an Lebenserfahrung gewinne, in meinem Arbeitsablauf integrieren zu können. Das Arbeitstempo jedoch werde ich sicher nicht hinüberretten können. Dazu reicht die Geduld unserer Schweizer Chirurgen wohl nicht aus.

Dieser Artikel erschien im Sommer 1996 in der Luzerner Zeitung, während meines Aufenthaltes auf den Salomonen. Im Dezember 1999 kehrte ich mit meinem Mann nach Honiara zurück. Ferienhalber zwar - und um dem Wechsel ins Jahr 2000 eine besondere Note zu verleihen. Selbstverständlich war für mich jedoch die Visite am Montagmorgen mit Hermann Oberli im Central Hospital, der Besuch bei meinen ehemaligen Berufskolleginnen im OP und die Besichtigung der neuen Abteilungen. Positiv überrascht und vor allem erfreut hat mich die Tatsache, dass Neuerungen, welche ich vor drei Jahren mit dem Operationspersonal zusammen erarbeitet hatte, Bestand zeigten. Ja mehr noch: Die Ideen wurden weiterentwickelt und in den Arbeitsalltag integriert. Noch immer ist die Hygiene ein Stiefkind und den Gegebenheiten der Umgebung angepasst. Noch immer kämpfen sie mit den Mücken und der Klimaanlage, mit fehlenden Ersatzteilen oder fehlerhaften Bauarbeiten. Die Unruhen der vergangenen Monate brachten auch Unruhe in den Spitalalltag. Schussverletzung waren an der Tagesordnung. Auch auf dem Spitalareal war man sich des Lebens nicht mehr sicher, wurde doch auf einer Abteilung kaltblütig ein Mord verübt. Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt.

Und das marode Finanzwesen? Die Patienten können nicht bezahlen, die Arbeit von Hermann Oberli minimal entlöhnt. Die Achtung vor seiner Person jedoch ist hoch. Oder können sie sich folgende Geschichte in der Schweiz vorstellen?

Katamaran

25. Dezember 1999 mitten im Pazifischen Ozean. Auf dem Katamaran den Wind um die Ohren spüren. Die Farben der Südsee in sich aufnehmend und sich den Frieden dieses Paradieses in der Seele sichern. Plötzlich taucht neben dem Katamaran - hunderte von Kilometern von der Hauptstadt und dem Central Hospital entfernt - ein Holzkanu auf. Ein älterer Mann paddelt von einer Insel zur anderen und ruft voller Freude": Hallo Doctor Oberli, happy Christmas!"

Tavanipupu

Am Nachmittag dann am Strand von Tavanipupu. Der Alte Mann kommt angepaddelt. Vorsichtig steigt er aus dem Kanu und mit langsamen Schritten kommt er auf uns zu. Seine Füsse stecken in weissen, hohen Turnschuhen. Hermann erklärt uns, dass er diesen Mann über ein Jahr in der Klinik behandelt und operiert hat. Dank diesen Eingriffen, ist der Mann imstande nun ohne Schmerzen länger Distanzen zu gehen. Er kommt auf uns zu, in der Hand einen Sack. "Ich kann Sie nicht bezahlen", erklärt er in seinem Pidgin Englisch, " aber ich habe Ihnen Muscheln versprochen. Hier bitte, suchen Sie sich welche aus!"

Hermann dreht sich zu uns um. " Welcher Schweizer Arzt bekommt je ein solch schönes und herzliches Honorar?" Heute zieren diese Muscheln das Büchergestell in Oberlis Wohnzimmer und erinnern ihn an die Herzlichkeit und die Wärme der Solomon Islanders.

Erschien 1996 in der Luzerner Zeitung / Ergänzung 2001

Weihnachten 1999 auf Tavanipupu


Sie fahren bis sie zusammenklappen

Ohne Auto hier in Honiara ist man auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen, was ein äusserst abenteuerliches Unterfangen sein kann! Haltestellen gibt es genug, doch auf Handzeichen hält der Bus auch mal mitten auf der Strasse. Und wenn man sein Ziel erreicht hat, genügt ein leises "Sss" und der Fahrer stoppt. (Nebenbei bemerkt: Ich brauchte gut zwei Wochen, bis ich mir getraute zu "sss"-ten.) Die Kleintransporter, mit 15 Sitzplätzen sind oftmals in sehr bedenklichem Zustand: Türen, welche nur knapp schliessen, defekte Frontscheiben, durchgerostete Karosserie. Doch hier gibt es kein Strassenverkehrsamt und keine Kontrollbehörde. Die Autos fahren so lange, bis sie zusammenklappen. Und was die Fahrpraxis anbelangt - selten hat jemand irgendwann in seinem Leben Fahrstunden genossen. So warte ich nach der Arbeit jedes Mal geduldig mit vielen anderen Unerschrockenen an der Bushaltestelle. Es ist drückend heiss und schwül. Der Dreck und die Abgase der vorbeifahrenden Autos sind enorm. Die Sonne sticht erbarmungslos vom stahlblauen Himmel und der Schweiss rinnt in Bächen an mir herunter. Endlich kommt "mein" Bus und bis zu zehn Personen drängen zur Tür. Doch nur ein Passagier entsteigt dem Vehikel und so heisst es halt weiterwarten. (Oftmals wird jedoch der "Weissen" der letzte Sitzplatz grosszügig überlassen.)

Auf der Hauptstrasse macht der Bus flott Fahrt, bremst abrupt ab, wenn ein "Sss" ertönt und fährt mit einer schwarzen Abgaswolke wieder los. Radio "Honiara" spielt den ganzen Tag die gleichen Songs, doch nichtsdestotrotz wird zur vollen Lautstärke aufgedreht. Und nicht nur ich schwitze. Eine nicht sehr angenehme Duftwolke umhüllt uns. Hinter mir hustet sich einer die Seele aus dem Leib, um nachher aus dem Fenster zu spucken. Neben mir wird geräuschvoll Betelnuss gekaut. Der Verursacher dieses Geräusches lacht mich mit seinem fast zahnlosen, typisch verfärbten Mund breit an. Südseeherzlichkeit!

Jemand hat Fisch auf dem Markt gekauft. Der Fischgeruch nimmt langsam überhand und irgendwo weiter hinten gackert ein Huhn. Nun geht's hinauf Richtung "Naha". Die Fahrt wird langsamer, die Strasse merklich schlechter. Riesige Schlaglöcher veranlassen den Fahrer im Slalom zu fahren, oftmals neben der "asphaltierten" Strasse, nahe am Strassengraben. Immer wieder hält der Bus, lässt Leute ein- und aussteigen. Der Fisch und das Huhn scheinen das gleiche Ziel wie ich zu haben. Der Fischgeruch wird beinahe unerträglich. Soll ich die letzen Meter zu Fuss gehen? Doch der vorher so strahlend blaue Himmel hat sich in Windeseile mit schweren Wolken bedeckt. Da bleib ich doch lieber sitzen.

Nach einer halben Stunde Fahrt habe ich mein Ziel erreicht. Wenn ich etwas schneller laufe, bin ich wahrscheinlich vor dem Tropenregen zu Hause. Und wirklich - Petrus hat ein Einsehen, und ich erreiche mein Haus trockenen Fusses. Ob der Fisch und das Huhn das gleiche Glück hatten?

Erschien 1996 in der Luzerner Zeitung



Regula Widmer-Kennel

Regula Widmer-Kennel arbeitete von April bis August 1996 im Central Hospital in Honiara auf den Salomon-Inseln. Über Weihnachten/Neujahr 1999/2000 kehrte sie mit Ihrem Mann auf die Salomon-Inseln zurück und besuchte "ihr" Spital. Frau Widmer-Kennel ist Operationsschwester und heute als stellvertretende Leiterin des Operationssaales der St. Anna Klinik in Luzern tätig.
[Juli 2001]

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