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Südseeparadies? Südseeparadies!

von Regula Widmer-Kennel (Bilder: R. Widmer-Kennel)

Der Gedanke kam im Laufe des Jahres 2012. Ein Container mit medizinischem Material (Verbandsmaterial, Geräte, Spritzen, OP Instrumente etc.) für das Central Hospital in Honiara sollte im Oktober 2012 beladen werden und wurde Ende Januar 2013 auf den Salomonen erwartet. Warum nicht mal wieder da runter fliegen? In "mein" Spital, in welchem ich 1996 für 5 Monate gearbeitet habe? Warum nicht einmal dabei sein, wenn ein Container sein Zielhafen erreicht hat und beim Entladen dabei sein? Sehen, ob all die in der Schweiz ausrangierten Artikel auch tatsächlich gebraucht werden? Artikel, welches ich jeweils gemeinsam mit Sabina Hofer kontrolliere, aussortiere und sorgsam verpackt etikettiere?

Oktober 2012

Leider ist dieses Südseeparadies nicht gleich um die nächste Ecke! Rund 27 Stunden reine Flugzeit muss man gewillt sein zu erdulden - eine Zweitagesreise! Also heisst es gut zu planen und genügend Zeit zu Verfügung haben! Dank meinem Zeitkonto, welches die Firma B. Braun den MA ermöglicht, dem Verständnis meines Vorgesetzten und der Eigenständigkeit meines gesamten Teams durfte ich 5 Wochen Auszeit nehmen! Ein Privileg, welches ich sehr schätze! Herzlichen Dank!

So beginnt meine Reise am 27. Januar gemeinsam mit meiner Freundin Anita Richtung Australien. Ein paar Tage in Sydney erlauben uns, uns von der 23 Stündigen Flugreise zu erholen und in Down Under in den Sommer einzutauchen. Am 4. Februar treffen wir auf dem Flughafen von Brisbane unsere "Projektkollegen" Ernst Knellwolf und Daniel Rechsteiner sowie Hermann Oberli. Hermann war unterwegs um im Central Hospital gemeinsam mit Orthopäden aus Australien einen Ausbildungslehrgang für Ärzte im Südpazifischen Raum zu starten (www.pioa.net).

Honiara, die Hauptstadt auf der Insel Guadalcanal gelegen und rund drei Flugstunden von Brisbane entfernt, empfängt uns am diesem Montag mit strahlendem Sonnenschein. Rund 30° warm und gefühlte 90% Luftfeuchtigkeit werden uns die nächsten drei Wochen treue Begleiter sein.

Trotz Regenzeit werden wir nur 2 - 3 kräftige Südseeregen ertragen, resp. geniessen dürfen. Wir bleiben vor Stürmen oder gar Zyklonen verschont. Nur das Erdbeben auf der Insel Santa Cruz versetzt unsere Lieben zu Hause in einen kurzzeitigen Schrecken! Gottseidank bleiben wir auf Guadalcanal und insbesondere in Honiara vor einem Tsunami verschont.

Dank grosszügiger Unterstützung von Mr. Robert Goh wohnen wir in einem sehr grossen und gut eingerichteten Haus, mit Securitiy und Housegirl, haben ein Auto zu unserer Verfügung, immer fliessend kaltes und warmes Wasser und durchgehend Strom - eine durchwegs nicht alltägliche Wohnsituation auf den Salomonen!

Aber was sind wir froh über diesen bescheidenen Luxus! Denn als wir am Dienstag das Spitalareal und die Fracture Clinic betreten trifft mich fast der Schlag! So ein Chaos habe ich mir im Traum nicht vorgestellt! Wie sollen wir dies in drei Wochen nur schaffen?!? Wo versorgen wir denn nun all das Material, welches mit dem neuen Container gekommen ist?!?

Lagerraum Lagerraum Lagerraum

Am Dienstag nehmen wir unsere Aufgabe in Angriff. Mit kräftiger Unterstützung von Ella und Mary (zwei Operationsschwestern) und dem ganzen Team der Fracture Clinic sortieren wir aus, füllen duzende von Abfallsäcken und mehrere Kartons mit Altmetall. Wir organisieren und ordnen, bündeln und beschriften. Verteilen gefundenes Material in den OP, Medikamente in die Apotheke, Gehstöcke, Rollstühle in die Physiotherapie, bringen Legosteine (was machen die in einem Behandlungsraum?) in die Kinderabteilung, Blutröhrchen ins Labor, Katheter und Infusionszubehör zur Anästhesie und und und... Wir versuchen Alex, den Besitzer eines leeren Coca Cola Kühlschrankes davon zu überzeugen, dass dieser nun wirklich nichts in der Fracture Clinic verloren hat, holen den Elektriker, um einen Sicherungskasten 5cm nach oben zu schieben, damit wir einen Metallschrank von unglaublichem Ausmass aus dem Weg räumen können(jetzt steht er an einer Wand und nicht mehr mitten im Raum und stört keinen mehr)!

Sortierung Sortierung Aufräumphase

Während Anita und ich dem Chaos zu Leibe rücken, schwitzen Ernst und Daniel draussen im Container. Bildverstärker, Ultraschallgeräte, OP Lampen, OP Tische und Behandlungsliegen müssen über den Kiesplatz vor dem Spital ins Gebäudeinnere transportiert werden! Stecker werden ausgewechselt, defekte Geräte nach Möglichkeit wieder funktionstüchtig gemacht. Und zwischendurch möchten die beiden Frauen, dass die Kisten mit dem Altmetall an die richtige Entsorgungsstelle gebracht werden!

Container Schrottplatz

Nach zwei Wochen haben wir nun etwas Platz um auch noch all die Kartons aus dem Container in die Clinic zu bringen und dort zu sortieren. Es tut gut zu sehen, dass das gelieferte Material reissend Absatz findet. Verbandsmaterial verschwinden kistenweise auf die Abteilungen, Patientenliegen und ein kleiner Sterilisator werden nach Tetere ins dortige kleine Spital gebracht, Bildverstärker und Ultraschallgeräte finden ebenso ihren Platz wie ein wunderbar bequemer Behandlungsstuhl!

Nach drei Wochen haben wir es tatsächlich geschafft! Es herrscht Ordnung - ja sogar richtige Swiss Quality wird hergestellt, denn die Klebstreifen an der Decke, noch von der letzten (oder vorletzten) Weihnachtsdekoration, werden von Anita und Rex auf der Leiter balancierend entfernt!

Lagerraum Lagerraum Arbeitsplatz

Ob es nachhaltig ist? Der Eintrag ins Facebook von Ella schürt Hoffnung:

Hello Regula thank you very much for your time here in the SI. We had a great time with you people. Fracture clinic is strictly taken care of by myself and Mary. This week I started clearing up the sterile extra orthopaedic instruments in the sterile storage room and starting to remove equipment that we are no longer using .I realized that there is more equipment that we are no longer use than that we use. Amazing!!!!! You have taught us a lot. See you!!

Sicher ist nur, dass wir über die Bücher gehen werden wann, wie und ob wir wieder Material im grossen Stil auf die Solomonen schicken. Die Erfahrung der letzten Lieferung 2011 (siehe Bericht von E. Knellwolf 2011) zeigen, dass es dringend notwendig ist beim Entladen dabei zu sein! Damals kam der Container nicht termingerecht an - niemand war dann noch wirklich vor Ort, um all das Material mit dem Personal des Spitals zu sichten und zu ordnen.

Und da wäre noch die ehemalige Cafeteria, welche als Lagerraum missbraucht wird. Da würden wohl zwei Jahre nicht reichen um Ordnung zu schaffen...

Trotz Chaos in der Fracture Clinic finden wir Zeit die Schönheiten dieser Südpazifischen Inseln zu geniessen! An den Wochenenden auf Buena Vista Island im Nugu Resort und auf Savo in der Sunset Lodge lassen wir die Seele baumeln und bei den spitzenmässigen Frangipani Icecreams vergessen wir den Staub und den Dreck des Tages und von ganz Honiara!

Inselwelt Bootsausflug Inselwelt

Regula Widmer-Kennel

Regula Widmer-Kennel arbeitet als Betriebsleiterin Produktion bei der Firma SteriLog in Luzern (einer Tochtergesellschaft der B.Braun Medical, Schweiz), die sämtliches Op Material der Kantonsspitäler Luzern, Sursee und Wolhusen aufbereitet.

© März 2013 R. Widmer-Kennel

Siehe auch: Ernst Knellwolf: Reisebericht Solomon Islands (4. bis 25. Februar 2013)

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