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Jahresrückblick 2001

von Elisabeth und Hermann Oberli

Liebe Verwandte und Freunde,

Wie zu erwarten und von Prognostikern vorausgesagt, hat sich das Jahr 2001 für die Salomon Inseln als ein schwieriges Jahr erwiesen. Der Bürgerkrieg ist zwar vorbei, und die verfeindeten Parteien haben im Oktober 2000 das sog. "Townsville Peace Agreement" unterschrieben, welches das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien regelt. Aber leider sind viele der ausgearbeiteten Kompromisse nicht eingehalten worden. Gefährlich sind die über 500 Waffen, die immer noch im Untergrund vorhanden sind, und mit denen grosse Teile der Bevölkerung terrorisiert werden. Weit schlimmer jedoch wirkt sich der unaufhaltsame Rückgang der Wirtschaft auf das tägliche Leben aus. Dazu möchte ich Euch ein paar Beispiele geben:

Die Zahl der Arbeitslosen nimmt dauernd zu. Viele Unternehmen bauen massenhaft Stellen ab oder schliessen den Betrieb. Die Regierung kann die Gehälter der Angestellten oft wochenlang nicht bezahlen, und da die Leute keinerlei Reserven - weder in Form eines Sparheftes noch in Form von Konservenbüchsen, Reis oder andern Lebensmitteln - anlegen können, ist die Not in vielen Familien gross. Schulen müssen schliessen, denn nur ein geringer Teil der Eltern kann das Schulgeld aufbringen. Die Bevölkerung wächst ungebremst; man schätzt, dass seit der Volkszählung im Jahr 1999 mindestens 20'000 Kinder geboren worden sind.

Im Moment ist das Finanzministerium für das Publikum geschlossen. Die Angestellten fürchten die Zusammenrottungen von Leuten, die auf ihren Zahltag warten. Die von der Regierung ausgestellten Checks sind häufig ungedeckt. Auf den Banken hängen Hinweise, dass Regierungschecks nur noch ganz früh am Morgen eingelöst werden können, also sofort nach der Öffnung der Bank, wenn jemand vom Finanzdepartement eine Einzahlung gemacht hat. Dieses Geld reicht in der Regel nur für wenige Checks, alle andern Leute gehen leer aus.

Wir erleben heute regelmässige und lange Unterbrüche von Strom und Wasser, da das Elektrizitätswerk nur noch Diesel gegen Bargeld geliefert bekommt; wenn also kein Geld im Kässeli ist, dann gibt es halt keinen Strom für die Stadt. Die Regierung schuldet dem EW und auch dem Wasserwerk Millionen von Dollars. Die Privatbezüger können ihre Strom- und Wasserrechnungen häufig auch nicht bezahlen, da sie ihre Löhne nicht erhalten. Die Folge ist dann natürlich, dass das EW keine Reserven hat für Dieselöl, um die Generatoren zu betreiben: ein einziger Teufelskreis. Dies ist sehr unangenehm für die Hausfrauen, aber im Grund eine Bagatelle, verglichen mit den Folgen, die diese dauernden Stromunterbrüche für die Geschäfte und Büros in der Stadt haben. Ich habe mir angewöhnt, Tiefkühlprodukte nur noch in Ausnahmefällen zu kaufen. Bei den Glacecontainern hebe ich immer zuerst eine Ecke an und kontrolliere, wie hoch die Glace im Behälter steht. Ist sie nämlich nur ein paar Centimeter hoch, dann weiss man, dass sie mehrmals aufgetaut und wieder gefroren wurde. Klebt sie hingegen am Deckel, dann ist es ok. Die Qualität der Erbsli und Maiskörner wird nach den Klumpen im Sack beurteilt: Kleine Klumpen in der Grösse von Haselnüssen werden gerade noch toleriert, hat man jedoch das Gefühl, es seien Golf- oder Tennisbälle im Plastiksack, dann Hände weg.

Letzte Woche wurde Goodmann Fielders, eine der zwei Grossbäckereien, geschlossen, nachdem das Management von bewaffneten ehemaligen Angestellten bedroht worden war. Sie verlangten eine rückwirkende Gefahrenzulage für ihre Arbeit während des Bürgerkrieges. Um die Männer nicht zu provozieren, rückte die Direktion einen Check heraus. Die übrigen Belegschaft befand darauf, sie hätten diese Entschädigung auch zugute. Es kam zu einem Tumult. Als die Polizei endlich eintraf, wurde die ganze Anlage heruntergefahren, die Backöfen abgestellt, die Lagerräume verschlossen und die Leute entlassen, Die australischen Angestellten befanden sich am Nachmittag bereits auf dem Flug nach Hause. Über 200 Arbeitsplätze verloren, und dies in einer Zeit, wo sowieso schon viele Menschen Not leiden! Für mich bedeutet dies, dass ich nun wieder alles Brot selber backen muss, da uns das von der Hot Bread Kitchen hergestellte überhaupt nicht schmeckt. Ich habe noch im letzten Moment 5 kg Mehl ergattert; heute ist bereits keines mehr erhältlich in der Stadt.

Schlimm steht es auch um die Solomon Airlines. Die internationalen Flüge sind von der Air Vanuatu übernommen worden, zweimal pro Woche nach Brisbane und zurück, einmal nach Fiji und zurück. Air Niugini offeriert nach wie vor zwei Flüge nach Port Moresby mit recht guten Anschlüssen nach Südostasien und Europa. Die lokalen Flüge der Solomon Airlines sind seit Monaten völlig chaotisch. Es existiert zwar nach wie vor ein grossartiger Flugplan mit fünf Kleinflugzeugen, zwei "Twin Otters" mit 18 und drei "Islanders" mit neun Plätzen. Nun ist aber von den fünf Flugzeugen gerade noch eines flugtüchtig, natürlich eines der kleinen. Ihre Reichweite ist relativ gering, so dass die abgelegenen Provinzen Choiseul, Temotu und Rennell/Bellona nicht mehr angeflogen werden können. Auf einigen Inseln sind mittlerweile die Flugplätze dermassen von Gras und Gestrüpp überwachsen, dass sich die Piloten weigern, dort zu landen. Muss man unbedingt auf eine Ausseninsel fliegen, empfiehlt es sich, am Abend vorher die "Service Messages" ans Publikum im Radio aufmerksam zu verfolgen. Dort wird einem nämlich um 18.15 und um 19.30 Uhr mitgeteilt, welche Flüge morgen ausgeführt werden und um welche Zeit. Ein Flugbillet mit bestätigtem Flug bedeutet hier überhaupt nichts. Wir haben das auch lernen müssen. Wie oft sind wir auf dem Flugplatz erschienen mit Sack und Pack und bestätigten Tickets, und dann hiess es: O sore, plein hem go wan aua eli (Der Flieger ist schon vor einer Stunde geflogen) oder : O sore docta, no eni plen disfala wiki (Kein Flug diese Woche).

Ich möchte aber nicht den Eindruck erwecken, dass unser Leben hier unerträglich geworden sei. Nein, überhaupt nicht; in diesem Falle wären wir wahrscheinlich längstens in die Heimat zurückgekehrt. Unsere Freizeit verbringen wir nach wie vor häufig im Yachtclub, wo das Segelprogramm für die Kinder sehr gut läuft. Über das vergangene Wochenende waren die Landesmeisterschaften der Optimistsegler. Im Januar sind Meisterschaften für die Lasersegler geplant. Baden im Meer wird leider immer schwieriger, da die wenigen Strände im Osten und Westen von Honiara nicht mehr sicher sind. Zum Glück haben viele unserer Bekannte schöne Schwimmbäder im Garten, wo wir uns jederzeit abkühlen können, wenn uns danach ist. Das soziale Leben blüht, und das Party-Karussell dreht sich munter. Oft wird es uns fast zuviel, und wir können nicht alle Einladungen zu Dinners, BBQ, Cocktails usw. annehmen.

Anfangs Mai sind wir von der Naha Ridge, wo wir fast acht Jahre gelebt haben, in den Osten der Stadt gezügelt. Die Situation in Naha ist im Laufe der letzten Jahre unerträglich geworden: überbevölkert, lärmig, unsicher; der Arbeitsweg unzumutbar wegen des sich laufend verschlimmernden Strassenzustandes. Wir wohnen jetzt in einem schönen Haus, das in einem wunderbaren Park gelegen ist. Die ganze Anlage gehört der "Sieben Tage Adventisten"- Kirche. Die meisten unserer neuen Nachbarn sind Mitglieder SDA, aber bis heute haben sie uns nicht zu bekehren versucht. Wir müssen uns einzig an gewisse Regeln halten, z.B. nicht in der Öffentlichkeit rauchen, Betelnüsse kauen oder Alkohol konsumieren, und die Umgebung des Hauses sauber und gepflegt halten. Rauchen und Betelnussen plagen uns nicht weiter, Bierharasse und Weinflaschen werden im Schutze der Dunkelheit ausgeladen und ins Haus geschleppt. Am Morgen weckt uns nicht mehr die laute Musik unserer Nachbarn oder handgreifliche Auseinandersetzungen derselben, sondern der Gesang der Vögel. Hermann arbeitet seit dem 1. Juli wieder für die Regierung. Sein Einsatz mit dem IKRK ist zweimal verlängert worden, sodass schliesslich aus den drei Monaten deren elf geworden sind. Leider sind die Arbeitsbedingungen bei der Regierung nicht halb so gut wie beim IKRK!

Das Reisen kam auch in diesem Jahr nicht zu kurz: Eine Woche waren wir in Melbourne, eine Woche in Sydney, Hermann beide Male an einem Kurs/Kongress und ich als Privatperson. Unvergesslich wird mir die Besteigung der Sydney Harbour Bridge bleiben, von deren höchstem Punkt aus man eine unvergleichlich schöne Aussicht auf diese wunderbare Stadt mit ihren vielen Buchten und Stränden, den Wasserwegen und Inseln hat, auf die riesig ausgedehnten Vororte und die Blue Mountains im Hintergrund. Im Sommer verbrachten wir einige Wochen in Europa, wo wir die Bande zwischen uns und der Familie und unseren vielen Freunden wieder etwas enger geknüpft haben. Hermann war letzten Monat eine Woche in Kambodscha. Er war an die Jahresversammlung der kambodschanischen Chirurgengesellschaft eingeladen.

Momentan finden Neuwahlen statt. Morgen [05.12.01] gehen die Leute an die Urne, in drei Tagen sollten die ersten Resultate bekannt sein. Natürlich wird uns der Himmel auf Erden versprochen in der Wahlpropaganda. Meiner Meinung nach besteht trotz allen Problemen, trotz der wirtschaftlichen Katastrophe eine gewisse Hoffnung für dieses Land, denn die Bevölkerung ist im Lauf der letzten Jahre sensibilisiert worden und weiss heute, was man von einem Politiker erwarten darf. Es sind mehrere politische Parteien gegründet worden, und um die 50 Sitze im Parlament bewerben sich 327 Kandidaten, eine noch nie da gewesene Zahl. Sogar einige Frauen haben den Mut gehabt, sich aufstellen zu lassen. Wir hoffen alle, dass unter den Gewählten einige anständige, ehrliche und charismatische Leute sein werden, denen es gelingen wird, die Abwärtsspirale aufzuhalten und dem Land eine neue Richtung, eine bessere Zukunft , ein Licht am Ende des Tunnels zu zeigen.

Für Euch alle und für uns wünschen wir, dass das Jahr 2002 besser, friedlicher, hoffnungsvoller wird als das zu Ende gehende.

Elisabeth

Was ist zur Chirurgie zu sagen? Meine Mission als Delegierter des IKRK sollte ursprünglich drei Monate dauern, daraus sind schliesslich elf Monate geworden. Anfangs Jahr besuchte ich weiterhin primitive Ambulatorien ausserhalb von Honiara, um dort die Patienten zu versorgen, welche aus Sicherheitsgründen nicht nach Honiara kommen konnten. Hauptsächlich aber sollte ich mich für die Unfallpatienten im National Referral Hospital in Honiara einsetzen. Immer wieder sah ich Patienten mit veralteten Kriegsverletzungen, die bis zur ersten ärztlichen Behandlung länger als ein Jahr warten mussten. Andere Patienten mit unbehandelten Leiden wagten sich auch langsam wieder in die Hauptstadt zurück. Diese unendlich langen Wartezeiten auf eine Behandlung bringen Schmerzen und Leiden, wie man es sich fast nicht vorstellen kann. Die behandelnden Chirurgen werden vor nicht alltägliche Probleme gestellt. Oftmals stehen uns weltweit per Email die besten Experten zur Verfügung mit Ratschlägen, und sie können uns nicht helfen, weil sie selber noch nie derartige Fälle unter einfachen Verhältnissen zu behandeln hatten.

Anfangs Juli entschloss ich mich etwas zögernd dazu, einen weiteren Zweijahresvertrag mit der Regierung zu unterzeichnen. Ich tat das auch deshalb, weil ich mich moralisch verpflichtet fühlte, die Unfallchirurgie/ Orthopaedie, die immer noch verwaist war, weiterzuführen. Dr. Tovosia war zwar inzwischen von der Australischen Orthopaedengesellschaft diplomiert worden, lebte aber, weil er von den Malaita Eagles verfolgt worden war, immer noch im "Exil" in Lata, in der drei Flugstunden von Honiara entfernten Provinz Temotu.

Anfangs Juli begann ein weiterer lokaler Arzt, Dr. Patrick Houasia, eine fünfjährige Ausbildung in Orthopaedie/Traumatologie . Er wird die meiste Zeit hier und ein Jahr in Australien verbringen, ist begeistert von der Arbeit und eifrig am Studieren seiner Bücher. Gleichzeitig wurde dem Leiter der Allgemeinchirurgie ein mindestens halbjähriger unbezahlter Urlaub bewilligt, und ich erhielt ein sehr kurz abgefasstes Schreiben vom Gesundheitsministerium, ich sei ab sofort auch Chef der Allgemeinchirurgie und man sichere mir jegliche Unterstützung zu. So stehe ich einmal mehr dem ganzen Spektrum chirurgischer Probleme aller Alterskategorien gegenüber: Neugeborene mit Missbildungen, vernachlässigte Kinderfrakturen, zahlreiche frische Verletzungen wie Verkehrsunfälle, Buschmesser, Schüsse, Verbrennungen....und jetzt gerade sind Stürze von Mangobäumen besonders aktuell. Die Behandlung von Tuberkulose von Wirbelsäule und Gelenken ist aufwendig, und dazu kommen noch die täglichen Blinddarmentzündungen. Weil die Patienten jetzt nur noch per Schiff nach Honiara transportiert werden können, ist eine Bauchfellentzündung wegen "geplatztem" Blinddarm ein alltägliches Problem. Genauso schlimm ist die prekäre Transportsituation für Patienten mit offenen Knochenbrüchen, die tagelang irgendwo im Busch liegen bleiben, bis sie endlich ein Schiff nach Honiara finden.

Neben der klinischen Arbeit sind weitere Aufgaben anzupacken: Telepathologie und der Bau eines Gebäudes zur Behandlung von ambulanten orthopädischen Patienten (sogenannte Fracture Clinic). Telepathologie: das ist ein äusserst faszinierender Aspekt der heutigen Medizin in den abgelegensten Gebieten der Welt. Dank moderner Informatiktechnologie kann man weltweit irgendwelche Experten beiziehen. So haben wir in Honiara ein kleines Labor eingerichtet, um Gewebsproben zu verarbeiten, deren digitale Bilder dann von überall in der Welt beurteilt werden. Selbst von einem Internetcafe in Kreta, das der Professor aus Basel während seinen Herbstferien aufgesucht hat, sind uns Diagnosen nach Honiara übermittelt worden.

Die Frakturenpoliklinik, deren Bau im Januar beginnen soll, wird unser leidiges Raumproblem endlich lösen. Für diese zwei grossen Projekte hat die ohnehin bankrotte Regierung kein Geld, und sie werden in verdankenswerter Weise vom "Verein Medizin im Südpazifik" voll finanziert. Daneben "laufen" mehrere andere Projekte, die zu beschreiben der Platz hier nicht ausreicht (siehe Website: www.hermannoberli.ch).

Die nach wie vor faszinierende Chirurgie und zu sehen, wie solche Projekte entstehen und verwirklicht werden können, ist es, was mich hier zurückhält. Es lässt die alltäglichen zahlreichen Frustrationen, die durch den Bürgerkrieg nicht kleiner geworden sind, unbedeutend erscheinen und macht die Arbeit sinnvoll. Nach acht Jahren Arbeit und Leben auf den Salomonen kann ich ehrlich sagen, dass ich mich nach all dieser Zeit immer noch jeden Tag mit Begeisterung und Freude ins Spital begebe.

Auch dieses Jahr erhielten wir von überall her aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch von zahlreichen Unbekannten, viel mehr Unterstützung, als wir erwarten konnten. Dafür sind wir dankbar.

Hermann

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