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Ein Jahr auf den Salomonen mit Familie

von Susanne Kratochvil

Susanne Kratochvil
(Bild: K. Brauchli)

Wir sind im Juli letzten Jahres im tropischen Gewitter, nachts um 2 Uhr in Honiara gelandet. Ich erinnere mich noch heute an die schwere feuchte Hitze die mich gefangennahm und mir den Atem abschnitt.

Was danach folgte war nicht etwa erfreulicher. Der erste Rundgang durch Honiara gab uns den Eindruck, durch eine Abfalldeponie zu waten und Bernhard, unser 5 Jähriger verkündete, auf einen solch grässlichen dreckigen stinkigen Markt voller Spuder wolle er nie wieder gehen. Zum besseren Verständnis sei angeführt, dass die meisten Solomon Islanders Betelnuss kauen, was eine leichte bittere Droge ist, und die danach rote Masse einfach ausspucken wo sie auch gerade stehen.

Der ganze Eindruck wurde etwas aufgelockert durch uns anstrahlende und grüssende Menschen.

Nichtsdestotrotz stieg in mir die Erinnerung an einen Märchenspruch auf , bedenke wohl was du dir wünschst, es könnte Wahrheit werden. Wir hatten uns einen Aufenthalt in einem Entwicklungsland gewünscht, und da sassen wir also, in Honiara im Hotel.

Es sollte noch besser kommen, am folgenden Tag quartierten sich ehemalige Miliztruppen im Honiara Hotel ein, dessen einzige Gäste wir uns sonst rühmen durften. Drei Monate waren seit dem Friedensabkommen verstrichen, und noch keine Touristen wagten sich ins Land. Das riesige Hotel stand leer. Des Nachts polterten sie betrunken an unsere Zimmertüren, weil sie die ihres Kommandanten verfehlten.

Das war zuviel, und meine Reaktion darauf half etwas Bewegung zu bringen in unsere Wohnsituation. Zuerst wurden wir in einen anderen Flügel des Hotels umquartiert und Hermann Oberli fand kurzfristig ein Haus in seiner Nachbarschaft für uns, und das nachdem das Ministerium und alle seit Monaten wussten, dass wir kommen würden.

Hatte ich mich in meinen Visionen mit dunklen Frauen auf einer Schilfmatte sitzend gesehen, meine und schwarze Jungs beim Fischen beobachtend, so musste ich schnell begreifen, Honiara war alles andere als das. Hier gab es keinen interessanten Freiraum für Kinder, es half nichts, beide mussten in die Schule, sollten sie und wir das Jahr hier überstehen.

Immer noch im Hotel, unser Haus wurde vorbereitet, Dieter hatte begonnen zu arbeiten, begann das Organisieren von Schule, Haushalt, Kennenlernen der Einkaufsmöglichkeiten. Eine gute Seele führte mich herum und das erste Resultat war ziemlich ernüchternd. Die einzige Schule, die unsere Kinder aufnehmen wollte, war die Woodford International School. Schulbeiträge für beide monatlich Salomon $ 2600.--, Verdienst Dieter Salomon $ 3200.--

Aber wir sollten Glück haben. In der Nähe unseres Wohnhauses gab es eine Primary- und 10 Minuten Fussweg entfernt eine Highschool. Da jene kirchliche Organisation uns schon ein Haus in ihrem Gebiet zugestanden hatte, war man auch bereit, unsere beiden Jungs in den entsprechenden Schulen aufzunehmen, und zwar für einen Fünftel des vorhergenannten Betrages. Sie würden die einzigen Weissen sein.

Obwohl sich Hermann an den Wochenenden sehr bemühte, uns die Möglichkeiten und die Umgebung schmackhaft zu machen, mussten wir nach 3 Wochen die Stadt fluchtartig verlassen, hinaus aufs Meer, auf eine grüne Insel:

Luft zum atmen, leichte Brise vom Meer, weisser Sandstrand, Kokosnüsse, Schlammspringer in den Mangroven und dann das Wunder: Eintauchen ins warme Meer, schwimmen in der schönsten Korallenlandschaft mit Schwärmen von in allen Farben glitzernden Fischen. Nie sollte dieser Augenblick vergehen.

Ich habe in diesem Jahr einige schöne Inseln gesehen, und bin oft im Meer geschwommen.

Zurück in Honiara gab es wenig ruhige Weiten, wie es so in einem Land nach ethnischen Unruhen und vor Wahlen der Fall ist: Ausgangsbeschränkung auf die Stadtgrenzen, verspätete Lohnzahlungen, Streik, tagelange Wasser- und Stromunterbrüche, Diebe, ab und zu mal eine Schiesserei. Entwicklungshelfer kamen und gingen. Wirklich bedroht habe ich mich nie gefühlt, aber doch schlafe ich wesentlich besser, seit unsere Jungs zwei aus dem Busch aufgetauchte Welpen grossgezogen haben.

Bernhard
Bernhard
(Bild: K. Brauchli)

Die Schule haben die beiden bestens geschafft. Yannick, der 14 Jährige fand sofort gute Freunde und war bald umschwärmt.

Bei Bernhard dauerte es länger. Unser 5 Jähriger fand sich mit 30 schwarzen Kindern in einer Gesamtschule wieder, in der er der Jüngste war. Der Unterricht war in der Mitte des Schuljahres. Er beobachtete tagelang was vor sich ging und fühlte er sich beobachtet, so versteckte er sich hinter mir.

Durch den virtuosen und vertrauensbildenden Unterrichtsstil der australischen Lehrerin und meine monatelange Präsenz und Mitarbeit im Unterricht schaffte er schrittweise die Integration.

Die langen, zwei Monate dauernden Weihnachtsferien waren eine echte Herausforderung. Ohne jegliche Angebote in der Stadt, ohne TV, alle Freunde aus den Schulen waren auf ihre Heimatinseln gefahren, die Kinder in der täglichen Hitze zu beschäftigen war nicht einfach. So strukturierte ich den Vormittag als Schule. Für Yannick hiess es Französisch und Deutsch repetieren, für Bernhard Buchstaben üben. Die von mir engagierte Privatlehrerin für Englisch entlastete mich glücklicherweise an zwei Vormittagen in der Woche, bis auch sie auf eine Insel entschwand.

Am Nachmittag machten wir Spaziergänge zum Lunga River und liessen uns im Wasser treiben, oder es gab TV Kino bei Oberlis. Schliesslich mussten wir auch wieder dem heissen Gefängnis mit dem Schiff auf eine Insel entfliehen.

Bedingt durch andere Veränderungen besucht Bernhard seit Schulbeginn im Februar d.J. doch die Woodford International School. Sein Schulalltag ist lang, von 8 bis 15 Uhr, und er meistert ihn allein. Wenn ich ihn heute von der Schule abhole und ihn lachend mit den Solomon Islanders, Chinesen, Philippinern und Indern herumrennen sehe, kann ich die Entwicklung fast nicht glauben. Wenn er dann ruft: Mum, ig bi so hungry, weisch, the drum (Pausentrommel) goht immer so early, de han i kei Zyt zum ässe, meine ich, der Aufwand hat sich gelohnt.

Yannick
Yannick mit dem ersten selbstgefangenen Barracuda
(Bild: H.Oberli)

Yannick hat natürlich auch Englisch gelernt. Zur Hauptsache aber hat er durch seine neugierige vorurteilslose Art des Teenagers gegenüber allem Fremden und Exotischen viele Freunde bei Alt und Jung gewonnen. Ihm wurden Türen geöffnet, die uns verschlossen blieben. Und wir konnten unseren Teenager noch ein Jahr geniessen, ohne die tägliche Auseinandersetzung über den Gebrauch aller technischen Verlockungen der Zivilisation.

Dieter kam täglich früh nach Hause, spätestens um 17 Uhr war er da, zum Spielen und Hausaufgabenmachen. Das hat unser Familienleben bereichert.

Und ich selber? Ich habe gelernt, mich in Honiara zu bewegen. Gern hatte ich es nie. Nachdem im Februar Bernhard alleine zur Schule ging, konnte ich alle meine mitgebrachten Bücher studieren.

Mit Elisabeth Oberli genoss ich den Vorteil, in der einzigen schönen Grünanlage der Stadt zu wohnen. Jeden Morgen unternahmen wir mit Hündin Chicca um 6 Uhr früh einen stündigen Marsch durch Park und Farm an den Lunga River. Für mich war es die einzige Zeit, in der Bewegung ausserhalb des Wassers für mich angenehm war. Gleichzeitig genoss ich es, den Tag mit einem freundschaftlichen weiblichen Schwatz zu beginnen und meine Eindrücke mit Elisabeth, die hier bestens vertraut ist, durchzusprechen.

Den Kontakt zu Einheimischen zu finden war schwieriger als ich gedacht hatte. Sie sind Weissen gegenüber scheu und zurückhaltend. Über die Gründe lässt sich spekulieren. Viele Weisse sind als Unternehmer oder bestbezahlte Entwicklungshelfer tätig, haben eine Machtstellung und verfügen für Einheimische über unerreichbar viel Geld.

Gleichzeitig habe ich auch beobachtet, dass Einheimische wenig Freundschaften in unserem Sinne pflegen. Vertrauten freundschaftlichen Umgang pflegen sie in der eigenen verzweigten Sippe, den Wantoks (siehe Erklärung Bericht Dieter Fenner). Kontakte ausserhalb dieses Kreises beschränken sich auf die unzähligen kirchlichen Aktivitäten, denn das soziale Leben hier wird von grossen Vielzahl christlicher Glaubensgemeinschaften dominiert.

So fand ich mich in die weisse Gesellschaft von Honiara gedrängt, wo wir unter den australischen Entwicklungshelfern einige Freunde und viele Bekannte fanden. Bereichert wurde unser Aufenthalt auch durch unsere Wantoks, die in diesem Jahr aus der Schweiz für kürzere Aufenthalte hierherkamen.

Zu den Solomon Islanders hatte ich bis auf wenige Ausnahmen zwar herzlichen, aber oberflächlichen Kontakt. Ich konnte mir aber doch noch den Traum erfüllen und mir bekannte Einheimische im Village auf Choiseul Island besuchen. Endlich sass ich auf einer Palmblattmatte, garte Fische und Süsskartoffeln im Steinofen, begleitete die Dorfbewohner zu ihren Pflanzungen und konnte ihr fast bargeldloses Leben beobachten.

Die schönste Erfahrung auf den Salomonen aber blieb für mich das Eintauchen ins warme Wasser voller Wunderwesen.

© Juni 2002 S. Kratochvil

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