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Life is Motion and Motion is Life

Erlebnisbericht von Andrea, Salomé und Simone zum Praktikum auf den Salomonen Inseln von September bis Dezember 2002. (Bilder: H. Oberli)

vlnr: Salomé, Andrea, Simone
Ankunft im Spital
(von links):
Salomé, Andrea, Simone

Ankunft Henderson-Airport Honiara, Donnerstag 14 Uhr - torkelnd verlassen wir das kleine Flugzeug der Solomon Airline - die Hitze und die Feuchtigkeit schlägt uns fast zu Boden. Umgehend erleben wir erstmals Solomon-Time: warten, stehen, schauen, warten, Ungewissheit, warten... endlich stehen wir vor dem Zollbeamten. Ihn vom kostenlosen Visitor's Visa zu überzeugen ist schwierig, denn er würde uns liebend gern das teure Arbeitsvisum andrehen. Dies gelingt ihm nicht, dafür aber erteilt er uns die Aufenthaltsbewilligung nur für einen anstelle der gewünschten zwei Monate, was für uns ein langes Nachspiel auf verschiedenen Ministerien bis hin zum "Primeminister" hat!

Wohnen Das Kiwi-House, die offizielle Unterkunft der Medizinstudenten (Baracke - Hole of shame), ist zur Zeit bis auf den letzten Platz belegt. Deshalb ist unsere Erste Unterkunft das Lolo-Resthouse: Neben Ratten, Kakerlaken, Prostituierten und einer Gruppe ständig betrunkenen und aufdringlichen Ex-Militanten sind wir dort die einzigen Gäste. Nach drei Wochen Oropax-Nächten wechseln wir in die Zweite Unterkunft: Ein grosses Haus mit Meerblick, das wir im Rahmen eines Housesittings für 3 Wochen ganz alleine geniessen dürfen. Die Dritte Unterkunft folgt umgehend, das United Church Resthouse: Aufgrund des nur 4 m2 grossen Zimmers, unserem zunehmend penetranten Körpergeruch (es gibt kein Wasser!) und täglich zwei Stunden Schweigepflicht während des Gebets am Abend, verlassen wir nach 5 Tagen entnervt das Resthouse und landen in der Vierten und letzten Unterkunft. Kaum angekommen, werden Kerzen verteilt - erster Stromausfall. Dies wiederholt sich täglich, dafür haben wir immer Wasser und einen aufgestellten, hilfsbereiten Besitzer. Es war anstrengend, immer wieder den Rucksack zu packen und nie ein definitives zu Hause zu haben. Doch dank diesem Zigeunerleben kennen wir nun ganz Honiara.

Spital Das Spital liegt direkt am Meer, doch leider ist der Strand für Patienten und Personal nicht zugänglich, da sich der Müll, wie auch an vielen anderen Orten in Honiara, stapelt. Der vor 10 Jahren mit ausländischer Finanzhilfe erbauten Spitalkomplex sieht bereits recht verkommen aus. Doch das stets herzliche Lachen des aufgestellten Personals macht die dürftige Infrastruktur längstens wett.

Andrea und Schwester Janet
Andrea und Schwester Janet

Anästhesie Andrea und Simone
Die Arbeit im leicht gekühlten Operationstrakt mit einem gut geschulten Team ist einiges angenehmer, als auf der zeitweise hitzig-stinkigen und mit speziellen Gerüchen versehenen Abteilung. Wir lernen vor allem die praktischen Aspekte der Anästhesie kennen, wie Intubation, Spinalanästhesie, verschiedene Lokalanästhesien und intra- und postoperative Patientenüberwachung. Trotz enorm beschränkter und in der Schweiz teils nicht mehr gebräuchlichen Medikamenten-auswahl, sowie mangelnden technischen Hilfsmitteln, ist die Narkose effizient und sicher. Selbständiges und verantwortungs-volles Arbeiten ist sofort gefragt, obwohl Supervision und Teaching durch den Assistenten, Ober- und Chefarzt nie fehlen. Nach 2-tägiger Einführung betreut man den Patienten alleine im OPS und geht selbständig auf Prämedikationsvisite. Das grösstes Problem dort: Die Kommu-nikation. Englisch spricht der Arzt, "Pijin-English" die Schwestern und einen von 1000 Dialekten der Patient!

Simone
Simone

Gynäkologie Simone und Andrea
Die Gynäkologie auf den Salomonen Inseln ist ein kinderreiches Fach (3000 Geburten pro Jahr), wodurch die Geburthilfe und Schwangerschaftsbetreuung im Vordergrund stehen. Im Durchschnitt gebärt eine salomonesische Frau 5 Kinder. Im Gegensatz zur schweizerischen Geburtskultur verläuft jede Geburt ohne Verabreichung von Schmerzmitteln und in Abwesenheit des Ehemanns. Die Frau erledigt, die ihr von der Natur auferlegte Arbeit schnell, konzentriert und professionell. Begleitet wird sie von den erfahrenen und liebenswürdigen Hebammen, die auch uns in die Kunst der Geburtshilfe einführen. Wir lernen die Betreuung der Patientin vor der Geburt mit Fetoskop und vaginaler Untersuchung, den eigentlichen Geburtsvorgang und die Versorgung von Geburtsverletzungen (inkl. Episiotomie und Co.).

Auch hier arbeiten wir mit minimalen Mitteln, auf die wir nicht einmal immer zählen können. Wenn beispielsweise sterile Handschuhe fehlen, steigen als direkte Folge die Fälle von neonataler Sepsis und somit auch die Kindersterblichkeit. Neben der Geburtshilfe häufen sich auf der Gynäkologie Diagnosen von sexuell übertragenen Krankheiten und fortgeschrittenen Zervixkarzinomen im jungen Alter, da regelmässige Kontrolluntersuchungen , wie der PAP-Abstrich fehlen.

In beiden Fächern haben wir eindrückliche und einmalige Erfahrungen machen dürfen.

Salomé
Salomé

Chirurgie Salomé
Punkt acht Uhr beginnt der Morgenrapport wie zu Hause. Dank Dr. Oberli hat die Salomon-Time auf der Chirurgie wenig Chance. Dafür sind die salomonesischen chirurgischen Fälle ziemlich anders: Sturz von der Kokos-Palme oder vom Mangobaum, Schuss- und Buschmesserverletzungen, Abszesse und Wundinfekte. Ein zusätzliches Problem ist das Zeitintervall zwischen Auftreten der ersten Symptome und Ankunft des Patienten im Spital. Die Angst vor Arzt und Spital lässt sie die Symptome oft lange ignorieren. Zudem kommen sie nicht selten im Boot von anderen Inseln nach Honiara, um sich im Spital behandeln zu lassen. Wir sehen daher die Krankheiten oft erst in fortgeschrittenem Stadium. Neben den regulären Eintritten, die ich oft mit Hilfe einer Pflegeperson mache, da nicht alle Patienten Englisch sprechen, bin ich Nachmittags oft im "Minor-OT" (kleiner Operationssaal), wo ich unter Aufsicht eines erfahrenen Assistenten kleinere Eingriffe durchführe, wie Debridements infizierter Wunden oder Abszessinzisionen und -drainagen.

vlnr: Simone, Andrea, Salomé
Simone, Andrea, Salomé
(von links) kurz
vor der Abreise

Abschied Nach 8 Wochen Arbeit verabschiedeten wir uns mit einer Farewell-Party in der Spitalcafeteria. Wir sind überwältigt von den vielen Gästen, ihren Abschiedsreden und Geschenken. Die Stimmung ist sehr emotional, der Abschied fällt uns schwer und es ist beeindruckend, dass Menschen, die so wenig besitzen, soviel geben können und dies mit grösster Freude!

Land Der Bürgerkrieg (Tension) vor 2 Jahren hat vor allem auf Guadalcanal (Hauptinsel) Spuren hinterlassen, die wir in Honiara deutlich spüren. Der Staat ist so gut wie bankrott, die Arbeitslosigkeit hoch, die arbeitende Bevölkerung erhält ihren Lohn nicht oder erst verzögert, was zu häufigen Streiks führt. Beispielsweise kann man das Land während einer Woche nicht über den Luftweg verlassen, da das Flughafenpersonal infolge ausstehender Löhne die Arbeit niedergelegt hat. Die wirtschaftliche Unsicherheit löst in der Bevölkerung eine Landflucht aus, so dass sich die Arbeitslosen, oft junge Männer, in Honiara häufen, und die Zeit mit SolBrew (salomonesiches Bier) trinken, Betelnuss-Kauen und "Frauenschau" verbringen.

Das After-Tension-Honiara bietet nur wenig Freizeit- und Wochenendbe-schäftigungen. Infolge Strassensperren und weiteren Kämpfen im Hinterland ist es unmöglich andere Teile von Guadalcanal zu besichtigen. Daher sind wir froh, dass wir ab und zu mit Oberlis im Yachtclub segeln können, mit Freunden benachbarte Inseln erkunden, sei dies bei einem Bush-walk oder beim Schnorcheln und Tauchen an einem der schönsten Tauchplätze der Welt. Um die Unterwasserwunder noch etwas ausgiebiger geniessen zu können, ermöglichen wir uns am Ende unseres Aufenthalts eine Woche Tauchferien.

Wir beenden diesen Bericht nach 24 Flugstunden kurz vor Zürich. Bereits jetzt vermissen wir die Wärme, das Lachen und die Offenheit der salomonesischen Bevölkerung. Wir werden sie und unsere Erfahrung nie vergessen... Tschüss, schon sind wir in die schweizerische Nebelsuppe eingetaucht...

© Januar 2003 Andrea, Salomé und Simone

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