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Sechs Monate auf der Chirurgie im National Referral Hospital in Honiara

Dezember 2002 - Mai 2003

von Dr. med. Theodor von Fellenberg

 

Nach sieben Jahren Assistenzarztzeit in der Schweiz und mehreren Einsätzen in Drittweltländern (Indien, Haiti, Kamerun) bin ich als breit ausgebildeter Allgemeinpraktiker im kleinsten Spital der Schweiz in Santa Maria angestellt worden. In den zwei Jahren im abgelegenen Münstertal fand ich es notwendig, meine Kenntnisse in der Chirurgie zu vertiefen.

Auf Grund meiner Teilzeitanstellung im Spital Santa Maria hatte ich sechs Monate zur freien Verfügung. Ich gedachte für diese Zeit eine Chirurgieweiterbildungsstelle zu suchen. Durch einen Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung bin ich auf Dr. Oberli in Honiara aufmerksam geworden. Nach einem Kontakt mit E-Mail hat er sich umgehend bereit erklärt, mich als Volontär auf der Chirurgie im National Referral Hospital aufzunehmen. Es handelte sich um eine Win-Win-Situation: Auf der personell unterdotierten Chirurgie arbeitete ich als ein weiterer dringend benötigter Arzt und ich konnte im Gegenzug das chirurgische Handwerk vertiefen.

Die Abreise von Santa Maria anfangs Dezember ist uns nicht zu schwer gefallen, konnten wir doch die sechs sonnenarmen Monate elegant überspringen. Via Bern haben wir unsere Reise mit dreinächtigen Stopps in Singapur und Brisbane (Australien) unter die Flügel genommen. Die Flüge mit unseren zwei kleinen Mädchen (dreijährig und dreimonatig) gestalteten sich erstaunlich problemlos. Die innere Uhr konnten wir während den Aufenthalten in Singapur und Brisbane an Swimmingpools relativ schmerzlos elf Stunden vorstellen.

Am Flughafen Honiara profitierten wir von der Kinderfreundlichkeit der Salomoner, welche uns mit freundlichem Lächeln und Fragen nach dem Ergehen der Kinder durch die Kontrollen winkten. Frau Oberli empfing uns nach pazifischer Art mit einer duftenden Blumhalsenkette und führte uns in unser neues Heim: Ein Haus auf Stelzen auf einem Hügel.

Am Morgen können wir vom Bett aus den Sonnenaufgang über dem entfernten Pazifik und am Abend vom Tisch aus den Sonnenuntergang über den mit Urwald bewachsenen Hügel der Insel Guadalcanal bewundern. In unserem Garten wachsen viele Blumen, Kokospalmen, Ananaspflanzen, Papayabäumchen, Bananenstauden und andere Früchte, kurz ein tropisches Paradieschen. Leider war das 4-zimmrige Haus bei unserer Ankunft völlig unmöbliert. Erst nach und nach haben wir einen Campingtisch mit wackligen Stühlen und Betten und eine Sitzgruppe bekommen und nach einem Monat wurde sogar ein Telefon installiert.

Was wir am ersten Tag schon wieder vorgefunden haben sind unsere alten Bekannten aus andern tropischen Ländern: emsige Schwabenkäfer, hungrige Geckos und Ameisen, welche ihre Strassen unbeirrt von unsern Aktivitäten kreuz und quer durchs Haus direkt in den Zucker, die Konfitüre und Früchte legen. Vor dem Haus haben wir einen völlig abgemagerten, unglaublich hässlichen, ängstlichen Hund angetroffen. Er gehöre uns und heisse Milkey wurden wir von den Nachbarn belehrt. Wir haben ihn nolens volens zu füttern begonnen. Milkey sah in den folgenden Wochen zunehmend besser aus, wurde anhänglicher und hat uns als Gegenleistung das Haus zu bewachen begonnen. Bei unserer Abreise konnten wir ihn kräftiger und selbstsicherer, aber noch immer ohne Haare auf dem Kopf, einem Schweizer Paar, welches unser Haus übernahm, übergeben.

Das Spital liegt mitten in der kleinen Hauptstadt Honiara (60'000Einwohner) direkt am Meer. Gebaut wurde es von den Amerikanern im 2.Weltkrieg, seither gab es immer wieder Umbauten und Erneuerungen, sodass in der Pavillonsiedlung mehrere Hundert Patienten Platz finden. Für die Patienten sind jegliche Behandlungen gratis, ja sogar der Rücktransport der Gesunden auf die Heimatinsel wird vom Spital bezahlt. Finanziert wird die ganze Geschichte vom Staat. Letzterer hat jedoch seit dem Bürgerkrieg nicht einmal mehr das Geld die Telefonrechnungen der Ministerien zu zahlen, sodass Australien und Neuseeland immer wieder mit Geldspritzen einspringen müssen. Trotz dieser Hilfen haben die Spitalangestellten im Moment noch fünf Löhne ausstehend und uns gehen nach und nach die Medikamente aus. Operationsmaterial hat es wegen Spenden aus der Schweiz zum Glück noch genug. Trotz allem ist die Bevölkerung sehr freundlich und schenkt einem bei jeder Gelegenheit ein Lächeln. Vor allem das Lachen der melanesischen Bevölkerungsgruppe aus dem Westen ist für unsere Augen höchst beeindruckend: Die Leute sind so schwarz, dass man effektiv nur das Weisse der Augen und die Zähne hervorblitzen sieht, sogar die Lippen sind kaum sichtbar. In Honiara sieht man alle ethnischen Gruppen dieses Vielvölkerstaates mit 200 Sprachen versammelt: Leute aus Malaita mit fast schwarzer Haut, strohblonden (!) krausen Haaren und Tätowierungen auf den Wangen, hellbraune Polynesier mit schwarzen gewellten Haaren und je nach Inselherkunft asiatischen Augen, ganz helle Mikronesierinnen mit über einem Meter langen ganz geraden schwarzen Haaren u.s.w., Die Leute leben friedlich miteinander und mischen sich auch. Wahrscheinlich gibt es nicht mehr Rassismus, weil die Inseln - mit Ausnahme von Malaita - noch recht dünn besiedelt und mit 80% Urwald bedeckt sind. Wohin aber das Bevölkerungswachstum von 3% /Jahr hinführt kann man sich lebhaft vorstellen... Haiti lässt grüssen.

Zwei Wochen sind es schon, dass wir von unserer Ferienwoche aus dem Westen zurück sind. Eigentlich wollten wir mehrere Inseln besuchen, ein erneuter Zyklon hat uns jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. In Neu Kaledonien scheint er richtig gewütet zu haben und auf den Salomonen hatte es so starke Winde und Regenfälle, dass der Flugverkehr lahm gelegt wurde. So sind wir die ganze Woche im Städtchen Gizo auf der Insel Ghizo geblieben. Gizo ist mit 4'000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt der Salomonen. Es besteht aus ca. 500m asphaltierter Strasse am Meer gesäumt von einstöckigen bonbonfarbigen Häuschen je mit einem Laden. Auf der Strasse verkehren sehr geschäftig Taxis, Lastwagen und Traktore, man weiss nur nicht wohin, gibt es doch keine richtig fahrbare Strasse welche mehr als ein Kilometer aus der Stadt führt...

Es gibt auch ein altersschwaches Spital mit ca. 60 Betten in Gizo. Die zwei Ärzte sind so überlastet, dass sie nur mehr Notfalloperationen machen, bis das Gouvernement am St. Nimmerleinstag die vier zusätzlichen Ärzte, welche auf dem Etat stehen, findet und einstellt. Jedenfalls hätte ich dort gleich voll in der Arbeit einsteigen können, je nach dem wäre es etwas für das nächste Mal. Es wurden mir auch 10-jährige Pläne für ein neues Spital gezeigt... Am gleichen Abend haben wir in einem Restaurant (ja das gibt's in Gizo) einen 70-jährigen Franzosen getroffen, welcher anscheinend von der EU Geld für ein 350-Betten Spital mit Überdruckkammer und IPS für die vielleicht einmal in grosser Menge kommenden Touristen mit Tauchkrankheit bekommen hat. Betreiben muss natürlich das Gouvernement der Salomonen das Spital. Meine Frage wie das Personal aufgetrieben werden soll, wo der Staat schon im kleinen Spital von Gizo und sogar im Referral Hospital in Honiara die Betriebskosten nur teilweise übernehmen kann, hat er als sehr ungehörig empfunden... Ich habe nicht gewusst, dass die EU auch heute noch solchen Unsinn zu finanzieren gedenkt.

In Gizo gibts auch ein Gefängnis: die Tore sind offen, die Gitter an den Fenster fehlen grossteils, und von aussen sieht man die Gefangenen auf den Pritschen sitzen. Die Happy Isles, wie es auf den Werbeprospekten heisst? Wahrscheinlich ist die Insel einfach zu klein, um abzuhauen und sich zu verstecken.

Wir haben auch Dörfer besuchen können. Ein spezielles Erlebnis: wenn man mit dem Boot am Strand ankommt, muss man warten bis jemand vom Dorf schauen kommt, man wird dann zum Dorfchef geführt, der entscheidet ob man das Dorf besuchen darf. Wenn ja, kostet das etwas: Kokosnüsse, Früchte, ein Poulet, Eier oder, wenn nicht vorhanden, auch ein kleiner Geldbetrag. Dann ist man im Dorf eingeladen und wird von den Bewohnern freundlich rumgeführt, ausgefragt und zum Sitzen eingeladen. Sofern man wünscht am Strand zu baden, zieht sich die Bevölkerung rücksichtsvoll zurück um ja nicht zu stören. Die Häuser bestehen aus einem Holzgestell mit Blätterwänden und -dächern. Häufig sind sie zweistöckig und im Westen, wo's keine Zyklone gibt, stehen sie wegen der Springfluten immer auf Stelzen. Die Leute halten Hühner, Schweine und häufig Papageien oder Kakadus auf der Veranda. Das Leben in den Dörfern ist sehr gemächlich, die Männer gehen morgens fischen oder in die Gärten und kommen wenn's heiss wird zurück in die Häuser. Tagsüber besucht man sich und hat sehr viel Zeit. Von allen uns bekannten Salomonern wird dieses einfache, gemächliche Leben idealisiert. Keiner kann mir eigentlich erklären, warum er nicht in sein Dorf zurückkehrt. Meist kommt zur Antwort: One day I might go back to my village. Möglicherweise wird die Rückkehr immer schwieriger, da die Städter sich mischen und miteinander Pidgin sprechen. Ihre Kinder lernen die Sprache der Eltern kaum mehr und gehören so keinem Dorf mehr an. Es sei denn, das Dorf hat seine Sprache schon verloren und spricht Pidgin.

Auf Grund der starken Durchmischung sind die meisten der über 300 Sprachen der Salomonen stark gefährdet oder schon praktisch ausgestorben, - wir kennen das ja vom Romanisch. Im Gegensatz zu den Haitianern haben die Salomoner eine Unbekümmertheit und Fröhlichkeit, welche sehr gefällt und beruhigt. Die Leute sind nicht aggressiv und versuchen einem nichts mit Gewalt zu verkaufen. Auf dem Markt zum Beispiel hat alles seinen angeschriebenen Preis, auch wenn man an einem Stand nichts kauft, wird einem erklärt, wie man die Gemüse und Früchte (auch die des Nachbarstandes) isst oder zubereitet. Jedoch planen können die Leute hier nicht. Wenn man Geld hat, gibt man's am gleichen Tag aus, ja sogar Solomon Air ist in grossen Problemen, da sie im Budget nicht mit Reparaturen und Revisionen rechnet, die Einnahmen wurden nach der Übernahme der Locals als höhere Löhne den Angestellten weitergegeben. Nun muss ein Flugzeug nach dem andern aus dem Dienst genommen werden, sobald eine grosse Revision ansteht...

Zu Silvester ist übrigens wieder ein Zyklon über zwei Inseln im Osten der Salomonen gebraust. Zoe, wie er heisst, hat mit über 310km/h praktisch die ganze Vegetation der Inseln Tikopia und Anuta ausgerissen und mit einer fast 10m hohen Meerwelle an den Küsten alles klein geschlagen und die Felder versalzen. Menschenleben hat er zum Glück keine gefordert, da sich die Leute rechtzeitig in ihre halb eingegrabenen Häuser und Höhlen retten konnten.

Einzig ein Arm- und ein Beinbruch sind von Stürzen beim Rennen zu verzeichnen. Die Leute auf diesen Inseln kennen vom Himmel die Zeichen gefährlicher Zyklone und wissen sich zu schützen. Von unserem Nachbarn, der selber schon zwei Zyklone überlebt hat, wurden wir instruiert, wie wir uns im Falle eines Wirbelwindes zu verhalten hätten und wo wir Unterschlupf suchen müssten. Zum Glück ist unsere Insel ein Grad nördlich der normalen Wirbelsturmwege.

Die Arbeit im Spital ist sehr lehrreich und abwechslungsreich , wie das so ist in einem Drittweltland. Langweilig wird es mir nicht und ich freue mich auf die verbleibenden drei Monate.

© 2003 Theodor von Fellenberg

Siehe auch: Sechs Monate im Kilu'ufi Hospital auf Malaita

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