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Zum dritten Mal auf den Salomonen: Kurzeinsatz 2011

von Dr. med. Theodor von Fellenberg

Letzten Frühling konnten wir für das Ospidal Val Müstair eines der besten Ultraschallgeräte erwerben. Wir haben nun die Möglichkeit kontrastmittelverstärkte Ultraschalluntersuchungen durchzuführen. Unser altes Gerät, welches für konventionelle Ultraschalluntersuchungen absolut gute Bilder liefert, brauchen wir darum nicht mehr. Auf den Salomonen fehlen in vielen Regionalspitälern Ultraschallgeräte, was die medizinische Diagnostik enorm einschränkt. Als Dr. Hermann Oberli einen Schiffs-Container für die Salomonen bereitstellte, ergriffen wir die Gelegenheit, um unser Gerät mitzuschicken. Zum Glück konnte mit Dr. Gonzenbach ein erfahrener Vertreter für das Spital gefunden werden. Nachdem sich auch meine Eltern bereit erklärt haben zu unseren Kindern zu schauen, stand einer Reise auf die Salomonen nichts mehr im Wege.

Die Salomonen liegen drei Flugstunden nördlich Australien und westlich von Neuguinea im pazifischen Ozean. Der Staat besteht aus etwa 900 Inseln, welche recht dünn besiedelt und im Moment noch zu 80% von Wald bedeckt sind. Unser Papierhunger treibt leider die rücksichtslosen Holzfirmen auf immer kleinere Inseln, wo sie mit dem Abholzen einen ungeheuren ökologischen Schaden anrichten. Die Inseln sind von den weltschönsten Korallenriffs umrahmt. Man kann sich in dieser Naturschönheit kaum vorstellen, dass hier 1942 die blutigsten Seeschlachten zwischen Japan und den USA tobten. Die Bevölkerung setzt sich aus braun und schwarzhäutigen Melanesiern mit krausen zum Teil blonden (!) Haaren, hellbraunen Polynesiern mit gewellten schwarzen Haaren, rotbraunen Mikronesiern mit geraden schwarzen Haaren und chinesischen Ladenbesitzern zusammen. Die Leute sind äusserst herzlich; jedem wird ein Lächeln geschenkt. Die Leute leben nun wieder friedlich zusammen und vermischen sich. Untereinander verständigen sie sich in Pidgin, einer Mischsprache aus Englisch und den Ursprachen. Wie überall führt die Bevölkerungsdurchmischung zu einem Verschwinden der Ursprachen und der alten Kulturen. Die meisten Leute leben in Küstendörfern vom Fischfang und den Früchten und Gemüsen ihrer Gärten. Es gibt keine Jahreszeiten, so ist immer etwas reif und man braucht keine Vorräte anzulegen. Die Natur liefert für das tägliche Leben und den Hausbau alles.

Bei unserem letzten Einsatz vor 6 Jahren lebten die Leute in den Dörfern völlig abgeschnitten vom Rest der Welt praktisch ohne Geld. Viele ältere Leute kannten in ihrer Kindheit sogar noch Verwandte aus der Steinzeit. Nun ist billige Solarenergie in die Dörfer gekommen. Die Leute haben jetzt nachts Licht es gibt Handys (!) und Internetzugang. - Australien hat Geld zum Aufbau eines Handynetzes gespendet und China liefert billige Handys und Computer. Der Kontakt mit der Aussenwelt ändert die Wertvorstellungen der Landbevölkerung rasant und untergräbt auch die Autorität der Dorfchefs. Wie bei uns sieht man viele junge und auch ältere Semester SMS schreiben und hört an jeder Ecke merkwürdige Klingeltöne. Dank der elektronischen Vernetzung können die Leute vor Katastrophen wie Wirbelstürme und Tsunami gewarnt werden. Der letzte Tsunami aus Japan hat trotz einer 2m hohen Flutwelle nur zwei Todesopfer gefordert, beide Opfer haben sich beim Flüchten einen tödlichen Herzinfarkt zugezogen...

Via Zürich haben wir die dreitägige Reise mit einem Stopp in Singapur und Brisbane (Australien) unter die Flügel genommen. Die nächtlichen Schlafunterbrüche von meiner Frau und mir zu Hause gab uns eine gewisse Routine beim Vorstellen der inneren Uhr um die 11 Stunden. Am Flughafen Henderson in Honiara, der Hauptstadt der Salomonen, empfing uns die übliche feuchte tropische Hitze (34°C, 90% Feuchtigkeit) und ein ehemaliger Patient als Zöllner. Im Hafen von Honiara dann die Enttäuschung: Schneefall und schlechtes Wetter in Bremerhaven im Dezember habe die Abreise des Containers um eine Woche verzögert. Der Tsunami von Japan hat die Reise von Singapur nach Brisbane verzögert. Es wurde aber versichert in einer Woche würde der Container ankommen. Lange waren wir nicht traurig, gibt es ja wunderschöne Strände mit aussergewöhnlichen Korallenriffs auf den Salomonen. Wir konnten uns also eine Woche Ferien auf kleinen Inseln in traditionellen Herbergen mit Häuschen aus Palmblättern leisten. Diese ruhige Woche des Nichtstuns liess uns die Hektik der letzten Tagen in der Schweiz gänzlich vergessen.

Eine Woche später im Hafen von Honiara: Der Container ist noch immer nicht eingetroffen "but it might come in the next days" aber er kommt wahrscheinlich in den nächsten Tagen. Zufälligerweise trafen wir gleichtags eine junge unerfahrene überforderte griechische Ärztin welche allein im kleinen Spital von Tetere, östlich von Honiara, arbeitet. Wir sind täglich zu ihr rausgefahren und haben ihr soviel wie möglich gezeigt und beigebracht. Warum in ihrem Spital ein Ultraschall der Gynäkologie Samedan und ein Schlüsselanhänger St Moritz liegt, bleibt völlig unklar...

Schlussendlich kam der Container doch noch an, und zum grossen Glück war darin noch alles heil. Dem Ultraschall von Santa Maria konnte problemlos der Stecker gewechselt werden, und am nächsten Tag fand er sich in einem uralten rostigen Passagierschiff mit Namen Isabella auf der Fahrt nach Buala auf der Insel Isabel. Der Regen und die stürmische See konnten uns nicht für eine Nachtschiffahrt auf diesem rostigen Kahn begeistern - wir zogen es vor, nach Buala zu fliegen. Solomon Airlines hat zwei etwa 50 jährige kleine Flugzeuge, welche die Inseln je nach Passagieraufkommen mehr oder weniger regelmässig und pünktlich bedienen. Damit das Flugzeug auch vom Boden wegkommt und genug Kerosin im Tank hat, werden alle Passagiere mit Gepäck gewogen. Auf der Startpiste machte der Pilot eine Bremsung fuhr wieder zum Flughafengebäude zurück: "Alle aussteigen nochmals auf die Waage, wir haben zu viel Gewicht." Effektiv hatten wir 50kg Übergewicht - nach längeren Diskussionen musste ein Bund Ananas in Honiara bleiben. Mit nur einer Stunde Verspätung flogen wir mit acht andern Passagieren nach Buala. Das Flugzeug ist nicht ganz wasserdicht, sodass wir in einer Regenwolke nass wurden. Flugzeuge mit Duschen gibt es wohl nur auf den Salomonen...

Das Flugfeld von Buala liegt auf einer unbewohnten Insel vor dem Städtchen. Nach der Landung öffnet der Pilot des Gepäckfach des Flugzeugs, die Passagiere bedienen sich, der Pilot steigt wieder ein "good-bye" und schon fliegt er wieder ab. Aber wie kommt man jetzt nach Buala? Wenn niemand ein Boot organisiert hat: gar nicht! Zum Glück hat ein Mitpassagier seine Ankunft gemeldet und nimmt uns mit: Schuhe ausziehen über den Strand zum Boot waten, das Gepäck ins Boot werfen und dann selber rein ohne es zum kentern zu bringen.

In Buala angekommen, erwartet uns niemand. Das Städtchen ist so klein, dass das Spital leicht zu finden ist. Wir werden mit Verwunderung und dann viel Entschuldigung empfangen. Anscheinend ging es vergessen unsere Ankunft zu melden. Schnell wird eine Unterkunft für uns gefunden. Vom sehr kompetenten und netten Chefarzt werden wir in Empfang genommen und rumgeführt. Der Tsunami hat auch Buala erwischt aber er war nur etwa 2m hoch und hat zum Glück nichts kaputt gemacht. Das Spital besteht aus langen Gebäuden auf Stelzen. Alles ist sauber und aufgeräumt aber schon sehr in die Jahre gekommen. Die Platzverhältnisse sind prekär es sind viele alte defekte medizinische Geräte im Spitalgelände angehäuft - es gibt keine Kehrichtabfuhr im Land und es wagt offensichtlich niemand etwas wegzuwerfen. Das Labor ist verwaist. Der bisherige Laborant ist pensioniert und ein Nachfolger konnte bis jetzt nicht gefunden werden. In der Röntgenabteilung hat es einen gut ausgebildeten Röntgenassistenten. Er war mehrere Wochen arbeitslos: der Röntgenfilmentwickler war defekt und der aktuelle uralte Ultraschall - ein Geschenk von Neuseeland - hat nie funktioniert... Er ist heilfroh, dass er wieder die Möglichkeit hat, arbeiten zu können. Die zwei jungen Ärzte arbeiten mit viel Einsatz und Liebe zu ihren Patienten aber ohne Labor und Röntgen und Ultraschall sind die diagnostischen Möglichkeiten äusserst eingeschränkt. Nachts um 02 00 Uhr kommt die rostige Isabella mit dem Ultraschall und neuen Chemikalien für den Röntgenentwickler in Buala an. Das Gerät hat offensichtlich keinen grossen Schaden genommen und nur kleine Hicke von der Fahrt abbekommen. Am nächsten Tag läuft es jedenfalls fast störungsfrei. Die Bilder bleiben als Erinnerung weiterhin mit Ospidal Val Müstair angeschrieben. Nach drei Stunden sind schon ein Gebärmutterkrebs, Eierstockzysten eine Schwangerschaftsmissbildung, ein Herzklappenfehler, eine Blinddarmentzündung und eine Hirnblutung diagnostiziert. Der Röntgenassistent Richard und der Chefarzt Dr. Donald Kafa lernen unglaublich schnell und sind äusserst geschickt im Umgang mit dem Ultraschallgerät. Nicht lange und wir können zur alltäglichen Arbeit am Spital übergehen. In den wenigen Tagen mache wir uns nützlich wo wir gebraucht werden: Ich hatte die schwierigen Fälle zu beurteilen und zu behandeln, und versuchte gleichzeitig den beiden jungen einheimischen Ärzten so viel wie möglich von meinem Wissen mitzugeben.

Unser Einsatz mit dem Ultraschall aus Sielva bringt einen grossen Fortschritt in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung auf der Insel Isabel. Wir selber sind von der menschlichen Wärme der örtlichen Bevölkerung reich beschenkt zurückgekommen.

© April 2011 Theodor von Fellenberg

Siehe auch: Sechs Monate auf der Chirurgie im National Referral Hospital in Honiara und Sechs Monate im Kilu'ufi Hospital auf Malaita sowie Ernst Knellwolf: Solomon Islands März 2011

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