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Kurzinterview mit Viviane von Orelli

Viviane von Orelli, Medizinstudentin aus der Schweiz, hat unseren Fragebogen ausgefüllt.
(Bilder: V. von Orelli, Portrait: H. Oberli)

Viviane von Orelli

Frau von Orelli, wie sind Sie auf das Projekt aufmerksam geworden?
Eine Bekannte sah die Fernsehsendung 'Traumwelten', worauf sie mir davon erzählte. Ich forderte die Videoaufzeichnung an, war begeistert über diese exotische Idee eines Chirurgiepraktikums im Südpazifik und bewarb mich via Redaktion des Schweizer Fernsehens, die mein Email an Dr. Oberli weitersandte.

Wieso haben Sie die Salomon-Inseln für einen Einsatz gewählt?
Ich wollte einmal etwas völlig anderes, Neues, Ungewöhnliches unternehmen. Dazu kamen Umstände, die ich gesucht hatte: ein Krankenhaus in einem Entwicklungsland, in dem Englisch gesprochen wird und in dem ich gute medizinische Betreuung für meine Ausbildung erwarten konnte: eine einmalige Stelle in jeder Hinsicht.

Wie und wo haben Sie sich angemeldet?
Bei Dr. Oberli, via Email und Briefpost. Zur weiteren Information bei Frau H. Wilquet, die mir die Videos (Traumwelten, Dr. Maac) zukommen liess.

Wann sind Sie auf den Salomon-Inseln angekommen?
Am 30. November 2001

Gab es bürokratische Hürden?
Nein. Ein bisschen Geduld war hie und da angesagt.

Was war Ihr erster Eindruck nach der Ankunft?
"Wow. Nun bin ich hier in einer völlig neuen, unbekannten Welt." Es war warm, feucht, grün und man sah täglich das Meer. Es war wunderbar.

Was überraschte Sie positiv?
Die Freundlichkeit der Leute, die Landschaft, das Leben mit dem Meer und der Sonne. Das multinationale Milieu mit der Möglichkeit, viele interessante Leute kennenzulernen.

Was überraschte Sie negativ?
Es galt, abends als Frau nicht alleine draussen herumzugehen, aber das war keine Überraschung, da ich um die noch immer nicht ganz entspannte politische Situation wusste.

Wo wohnten Sie?
Ich hatte Glück: zwei Monate lang bewohnte ich ein Haus mit Pool und Wachhund.

Das Haus Aussicht auf das Westende von Guadalcanal
Das Haus mit ... ... Aussicht auf West-Guadalcanal

Wie sind Sie dazu gekommen?
Das war natürlich ein unerwarteter glücklicher Ausnahmefall. Völlig überraschend wurde ich bei meiner Ankunft gefragt, ob ich für ein neuseeländisches Ehepaar ein Haus sitten würde, da diese Leute gerade für zwei Monate in die Ferien gehen würden und froh wären, jemand würde das Haus bewohnen und den Hund füttern. Eigentlich hatte ich mich ja auf ein Zimmerchen im Studentenhaus (Kiwi-House) eingestellt, aber ein solches Angebot wollte ich nun doch nicht ablehnen. Allerdings darf man sich durch ein solches Haus nicht über das sonst einfache Leben in Honiara täuschen lassen. Generell ist zu sagen, dass es immer wieder Möglichkeiten des Haussitting gibt, manchmal auch für kürzere Zeit. Aber man sollte immer das Einfachste an Wohnsituation erwarten, so wird man höchstens positiv überrascht.

Mussten Sie etwas dafür bezahlen?
Nein.

Wo haben Sie normalerweise gegessen?
Mittags verpflegte ich mich in der Cafeteria des Spitals, abends zu Hause oder bei Freunden.

Was waren typische Mahlzeiten?
Frühstück: Toast, Honig, Kaffee (es würde sich lohnen, guten Kaffee mitzubringen...), Früchte, Corn Flakes u.a.
Mittagessen: Local chips (Süsskartoffeln), Fisch, Reis, Früchte (in der Spitalcafeteria)

Was hat Ihnen besonders geschmeckt?
Früchte und Fisch

Was am wenigsten?
Das lokale Essen ist sehr fettig. Vieles ist in Öl frittiert.

Wie hoch waren die Kosten für das Essen?
ca. CHF 15/Tag

Fisch- und Früchtemarkt

Wenn Sie selbst gekocht haben, wo haben Sie eingekauft?
In verschiedenen Supermärkten der Stadt, Früchte auf dem Central Market of Honiara, Fische direkt auf dem Fischmarkt.

Der Fisch- und Früchtemarkt lag günstig gelegen auf meinem Heimweg.



Welche Transportmittel haben Sie benutzt?
Öffentliche Sammeltaxis.

Wie haben Sie Ihre Freizeit verbracht?
Die Wochenenden verbrachte ich im Yachtclub, da gab es immer wieder die Möglichkeit, mit jemandem zu segeln. Hie und da machten wir Ausflüge auf andere Inseln, von wo aus bestens geschnorchelt oder auch getaucht werden konnte.

Hatten Sie private Kontakte zu Einheimischen?
Ja, mit der Zeit. Man muss sagen, dass die Kultur sehr verschieden ist und die Entstehung der Kontakte viel Zeit braucht.

Wie fühlten Sie sich von den Einheimischen behandelt?
Sehr gut, herzlich.

Machten Sie besonders schöne Erfahrungen?
Ich erzähle eine Episode aus dem Ops:
Während einer Blinddarm-Operation begann die assistierende Schwester plötzlich eine bekannte Radiomelodie zu summen, in die nach und nach auch die anderen einstimmten, - das wäre in der Schweiz nicht zu denken....

Machten Sie weniger erfreuliche Erfahrungen?
Ich habe gesehen, dass die Entwicklungshilfe nicht nur ihre guten Seiten hat. Ich habe miterlebt, wie 40 Liter Isopropylalkohol, der gerade erst per Container von der Schweiz angekommen war, bestimmt für das Pathologie-Labor des Spitals, in einer Nacht geklaut und anschliessend wahrscheinlich getrunken wurde. Das ist sehr frustrierend, für alle, die sich einsetzen. In diesem Fall Dr. Oberli. Die Hilfe wird nicht genügend geschätzt von der lokalen Bevölkerung, sondern sogar eher für selbstverständlich angesehen, wenn nicht ausgenützt. Die Gefahr der Verwöhnung wurde mir sehr bewusst, auch in anderen Situationen.

Wie haben Sie sich gegen Malaria geschützt?
Ich habe Lariam genommen, zusätzlich Antimückenspray appliziert und abends lange Hosen und langärmlige Blusen getragen.

Was war Ihre Tätigkeit auf den Salomonen?
Ich habe ein Praktikum als Unterassistentin auf der Chirurgie gemacht. Dazu gehörte Mitarbeit im Operationssaal bei den verschiedensten Operationen, das Erlernen von kleinen Eingriffen und kleinen Anästhesien, von Gipsverbänden und das Führen der Kinderabteilung mit 18 chirurgischen Betten.

Gipsen in der Fracture Clinic

Gipsen in der Fracture Clinic



Betty

Betty - der doppelt gebrochene Unterkiefer nach dem Sturz in ein 5m tiefes Plumpsklo wurde mit externer Fixation stabilisiert.



Anthony

Anthony von der Insel Choiseul - er ist an Weihnachten beim Bäumeschneiden vom Dach gefallen und hat sich den rechten Unterarm sowie den linken Oberarm gebrochen. Seine Reise ins Spital dauerte drei Tage mit Schiff und Flugzeug.



Jenny

Jenny - Verdacht auf Vitamin D resistente Rachitis



Wie waren Ihre Arbeitszeiten?
08 bis 17/18 Uhr von Montag bis Freitag, am Samstag 09 bis 12 Uhr

Wie wurden Sie am Arbeitsort aufgenommen?
Ich wurde sehr gut und schnell aufgenommen.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Einheimischen?
Man kann das nicht pauschal beantworten. Es gibt wie überall grosse Unterschiede. Auf allen Ebenen. Insgesamt ist die Arbeit langsamer als wir es uns von der Schweiz aus gewohnt sind und die Werte sind anders gesetzt. So muss hie und da etwas zwei oder dreimal gesagt werden, bis es gemacht wird, insbesondere auf den Abteilungen.

Was war besonders schwierig bei Ihrer Arbeit?
Mit den Einheimischen muss hie und da Pidgin gesprochen werden, da einige nicht Englisch reden. Das braucht Übersetzer und ist immer mit einem zusätzlichen Energieaufwand verbunden. Vieles muss mehrmals überprüft und nachkontrolliert werden, will man sicher sein, dass es gemacht wird. Man ist für jeden Schritt verantwortlich. Das kann sehr interessant, aber auch anstrengend sein.

Was hat Ihnen auch am Ende Ihres Aufenthaltes immer noch Mühe bereitet?
Die Distanz zu den Einheimischen bleibt lange relativ gross. Man müsste länger dort sein, um einen besseren Einblick in ihre Kultur zu erhalten.

Was konnten Sie an die Einheimischen weitergeben?
Etwas Hoffnung. Für die Frauen ist es wichtig zu sehen, dass eine Frau eine Ausbildung macht und ihren eigenen Weg gehen kann.

Was haben Sie von den Einheimischen gelernt?
Ruhe und Lebensfreude zu bewahren auch in äusserlich schwierigen Zeiten.

Victoria  Weihnachtsfeier 2001
Umgehen mit fremden Kulturen
- Victoria, Patientin in der
chirurgischen Frauenabteilung
Fröhliche Weihnachtsfeier auf
der Kinderabteilung

Würden Sie wieder einen Einsatz auf den Salomon-Inseln machen?
Ja, sofort, wenn die politisch-oekonomische Situation einigermassen stabil bleibt.

Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der auf den Salomon-Inseln arbeiten möchte?
Viel Flexibilität und Geduld mitzunehmen.

Wann haben Sie die Salomon-Inseln verlassen?
Am 5. Februar 2002.

Woran denken Sie besonders gerne zurück?
An meine Arbeit auf der chirurgischen Pädiatrie, ans Gipsen, ans Operieren, an die vielen Teachings mit Hermann Oberli. Ich habe sehr viel gelernt. Ich denke aber auch gerne an das tägliche Leben ausserhalb des Spitals zurück, das mit einem grossen Freundeskreis verbunden war und vielen ausserordentlichen Erlebnissen, vor allem während meiner zweiwöchigen Reise am Schluss des Aufenthalts.

Gizo Kanu
Ferien in Gizo Transportweg Wasser
Transportmittel Kanu

Was brauchte am meisten Umgewöhnung nach der Rückkehr in die Schweiz?
Die Arbeitsgeschwindigkeit im Zürcher Spital, die Hygienevorschriften, die Dunkelheit am Morgen und am Abend, die Kälte des Februars in Zürich...

Vielen Dank für Ihre Antworten, Frau von Orelli.

© März 2002 webmaster@hermannoberli.ch

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